17, blond und scharf wie Rettich


Badische Neuste Nachrichten, 12. Juni 2006

Aufstand der Kasperfiguren

Neues marotte-Abendstück „17, blond und scharf wie Rettich“

Liedermacher Heinz Rudolf Kunze hat ein menschliches Grunddilemma mal folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Ich bete jeden Tag um ein Leben ohne Wiederholung. Ich bete jeden Tag um ein Leben ohne Wiederholung“, heißt es in einem seiner Prosatexte. Womit sowohl die Sehnsucht nach Abwechslung als auch die Unausweichlichkeit des Immergleichen perfekt ausgedrückt sind. Nicht ganz so kurz, aber sehr kurzweilig wird dieses Thema behandelt im neuen Abendstück des Figurentheaters marotte. ,,17, blond und scharf wie Rettich“ heißt diese Kaspertheater-Produktion für Erwachsene, in der man den guten (?) alten (!) Kasper als Theaterchef erlebt, der seit Jahr und Tag mit seiner Truppe ein bewährtes Erfolgsstück herunternudelt – eben ,,17, blond und scharf wie Rettich“. Wobei der reißerische Stücktitel sich vor allem auf Bockwürste (17) und Bier (blond) bezieht – “scharf wie Rettich“ könnte man, je nach Geschmack, Kaspers Einstellung zu seiner guten Gretel zuordnen oder den Prügel, die der Teufel am Schluss kassieren wird für seinen fi esen Streich, dem Kasper besagten Wurst- und Biervorrat zu klauen.

So weit, so witzig – aber nicht für den Teufel. Der hat nach all den Jahren (wen wundert‘s?) die Schnauze bis unter die Hörner voll davon, immer am Schluss den Deppen zu geben und verdroschen zu werden, damit das Publikum dem Kasper zujubeln kann. Und weil dieser ihn nach einem leutseligen Gesprächsangebot („Sag doch, wo drückt der Huf?“) erbarmungslos zurück an die Arbeit jagt, klaut der Teufel nun statt der Würste die Motivation der anderen Ensemblemitglieder. Verkleidet als Psycho-Doc Lutz Ifer redet er dem Krokodil, dem Wachtmeister, der Hexe und sogar der Gretel Flausen ein, mit denen sie zwar noch auf die Bühne gehen – aber nicht mit dem Text, den der Kasper jeweils von ihnen erwartet.

Die Auswirkungen muss man sich schon selbst ansehen. Denn der Clou der Inszenierung von Ronald Mernitz (auch Autor der Textvorlage) ist gar nicht so sehr, was passiert, sondern wie es mit den liebevoll ausdrucksstark gestalteten Puppen im präzis-detaillierten Spiel von Carsten Dittrich und marotte-Chef Thomas Hänsel gezeigt wird. Virtuos springt das Duo stimmlich von Rolle zu Rolle, nutzt die ganze Palette der Schepper- und Pfeifgeräusche des Kaspertheaters und gibt jeder Figur bis ins Füßeschlenkern und Händeringen Profil – wenn Wachtmeister Lehmann kurz vor der Pause sein Nirvana erreicht, sorgt allein seine Pose dafür, dass man ein Lächeln auf dem Holzkopfgesicht zu sehen glaubt.

Trotz seiner fröhlich-frivolen Erwachsenenszenen bleibt der Abend freilich ganz innerhalb der Kasper-Konventionen, nach denen am Schluss die Ordnung des Anfangs wiederhergestellt sein muss. Doch gerade dadurch wird der vorangegangene Spott über Ausbruchsversuche aus der Routine relativiert. Wenn am Ende alle Beteiligten (inklusive Teufel) einsehen, dass es am besten ist, wenn alles so bleibt, wie‘s immer war, dann darf man sich ruhig aufgefordert fühlen, sich selbst nicht als Kasperfi gur zu sehen. Und sich bei der Arbeit am Leben ohne Wiederholung mehr einfallen zu lassen als der Teufel, der im Moment seiner Machtübernahme ein „ganz neues Stück“ ankündigt – mit dem Titel ,,18, brünett und
scharf wie Paprika“. Andreas Jüttner



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