Die Känguru-Chroniken


BNN, 09.10.2017

Dieses Känguru steckt alle in den Beutel

Famose Bühnenversion des Kult-Hörbuchs “Die Känguru-Chroniken” am Figurentheater marotte

Kenner der Vorlage werden natürlich als erstes bemerken, was alles fehlt. Zum Beispiel die roten Boxhandschuhe, die das Känguru immer mal wieder aus seinem Beutel zieht. Oder das Hauptwerk des Kängurus mit dem Titel “Opportunismus und Repression”. Oder … Pardon, Sie fragen, welches Känguru denn bitte? Dann gehören Sie wohl zu denen, die noch nicht das Vergnügen hatten, “Die Känguru Chroniken” von Marc-Uwe Kling kennenzulernen. Wobei Vergnügen wörtlich gemeint ist: Die Textsammlungen des Berliner Kabarettisten über sein WG-Leben mit einem vorlauten kommunistischen Beuteltier, das Schnapspralinen und Bud-Spencer-Filme liebt, sind ein echter Brüller und vor allem als Hörbuch zum Hit geworden. Kein Wunder: Hemmungslos schnorrt sich die Hauptfigur durch den Tag und steckt mit frecher Schnauze alle Zumutungen des Lebens, von Bassisten bis zu Kapitalisten, in den Beutel.

Weil aber der Kapitalismus auch für antikapitalistische Hits gilt, gibt’s auch hier Weiterverwertungen: Szenische Lesungen und Adaptionen füllten schon landauf landab Theater und Kleinkunstbühnen bevor Kling selbst eine Theaterversion erstellte. Die ist nun am Figurentheater marotte zu sehen. Und nach der begeistert beklatschten Premiere kann man sich nur schwer vorstellen, wie dieser Stoff andernorts “nur“ mit Schauspielern umgesetzt werden soll. Und das liegt nicht nur an den unwiderstehlichen Knopfaugen der fast menschengroßen Känguru-Figur, sondern vor allem am hinreißenden Spiel von Friederike Krahl und Carsten Dittrich. Die beiden bewährten marotte-Kräfte wechseln sich ab als weibliche und männliche Seite des Kängurus (das solche Begriffe freilich höhnisch als “bürgerliche Kategorien” bezeichnet – zumindest solange es nicht zwecks emotionaler Erpressung Zuflucht zu ungehemmten Schluchz-Attacken nimmt).

Ebenso virtuos schlüpfen sie abwechselnd in die Rolle des Kleinkünstlers, der sich vom Känguru ausnehmen, zurechtweisen und herumkommandieren lässt – und dennoch in tiefe Traurigkeit verfällt, als das Beuteltier unvermittelt verschwindet. Merke: Ein Freund mag schwer auszuhalten sein. Aber einsam zu sein ist gar nicht auszuhalten.

Aus dem Fakt, dass das Ganze trotz eines dürren Handlungsgerüsts – die sympathische Faulenzer-WG wird bedroht durch einen Regierungsbeschluss, Ausländer in “produktiv” und “nicht produktiv” einzuteilen – eine Nummernrevue bleibt, schlägt die Regie von Detlef Heinichen höchst komische Funken, indem sie die Protagonisten auch mal als kleine Handpuppen erscheinen lässt – etwa bei den Besuchen bei einer Psychologin oder im Job-Center. Und dass die Nirvana-Leidenschaft des Kängurus hier durch Livemusik der Karlsruher Gitarrengröße Michael Rüber zum Taktgeber des Geschehens wird, macht die zweistündige Aufführung (inklusive Pause) endgültig zu einer runden Sache. Fazit: Reingehen! Und sollten Sie selbst ein antikapitalistisches und/oder abgebranntes Känguru sein: Suchen Sie sich einen Kleinkünstler, der Ihnen die Karte bezahlt. Aber schnell – für dieses Jahr sind alle schon weg.
Andreas Jüttner