Adams Äpfel


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Marotte-Figurentheater Karlsruhe: “Adams Äpfel”

Eine wunderbare Groteske über Menschenfreundlichkeit in einer gelungenen Bühnenadaption.

Der Film „Adams Äpfel“ von Anders Thomas Jensen, 2005 in die Kinos gekommen, ist eine wunderbare Groteske über Menschenfreundlichkeit. Der Neonazi Adam kommt zur Resozialisierung zum Pfarrer Ivan und verzweifelt fast an dessen Großmut. Adam beginnt zu forschen, was es denn mit diesem merkwürdigen Philantropen auf sich hat. Er deckt auf, dass bei der Geburt von Ivan die Mutter gestorben ist, er von seinem Vater missbraucht wurde, seine Frau sich selbst umgebracht hat, sein Sohn gelähmt im Rollstuhl sitzt und er selbst einen Gehirntumor hat. Nach Ivans Glauben sind das alles Anschläge des Teufels. Adam gelingt es, ihm deutlich zu machen, dass diese Schicksalsschläge nicht Werk des Teufels sind, sondern von Gott. Diese Einsicht verändert den Pfarrer, aber Jensen schraubt die Handlung noch in einen weiteren absurden Dreh: Bei einer Schießerei zwischen Khalid und Gunnar, beide ebenfalls zur Resozialisierung beim Pfarrer, und den ehemaligen Neonazi-Kumpels von Adam wird Ivan getroffen und sein Tumor herausgeschossen.

Im Film agieren noch mehr Personen und verstricken sich weitere Handlungsstränge. Die Adaption, die Frederike Krahl für das Marotte Figurentheater in Karlsruhe eingerichtet hat, konzentriert und entschlackt notwendigerweise die Filmvorlage auf die Auseinandersetzung zwischen Ivan und Adam und setzt ähnlich wie der Film das Motiv des Apfels, bzw. des Apfelkuchens ins Zentrum. Gefragt nämlich, was er sich denn für eine Aufgabe setzen wolle, antwortet Adam: einen Apfelkuchen backen – was er am Ende auch schafft. Trotzdem hat Matthias Hänsel zehn Figuren gebaut, Tischfiguren, nicht realistisch durchgeformt, sondern einzelne für die Figuren charakteristische Züge hervorholend. Ansonsten sind die Körperteile deformiert und nicht vollständig. Nach unten hin sind die Figuren glatt abgeschnitten, so dass sie als Ganzes betrachtet, eher etwas Nippesartiges haben. Sie könnten auch Ausstellungsobjekte in einer Vitrine sein.

Auf einem überdimensionierten Tisch (und im Hintergrund eine Projektionswand: Bühnenbild ebenfalls Matthias Hänsel) werden die Figuren bewegt und animiert. Wobei der Erzähler Sebastian Kreuz nicht hinter den Figuren verschwindet, sondern im Fokus des Publikums bleibt, mehr Schauspieler als Figurenspieler (er war lange am Badischen Staatstheater engagiert), aber das macht er virtuos. Seine Sprachnuancierungen geben jeder Figur ein eigenes Charakteristikum, den Adam z.B. in leicht hanseatischen Grundton (Hamburg). Er entwickelt dabei ein rasantes Spieltempo, das einen ganz eigenen Sog entwickelt, man spürt seine Begeisterung und seinen Spaß. Und es gelingt ihm sofort, mit seinem Publikum Kontakt aufzunehmen. Krahl hat dafür zum Einstieg einen wunderbaren Einfall: Sie lässt Kreutz der Figur des Adams Teufelshörner aufsetzen und sie dann schelmisch wieder entfernen.

Kreutz ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Frederike Krahl nutzt diese Kraft und Virtuosität. Sie schafft ihm viele Möglichkeiten, seine Virtuosität zu zeigen. Mit gezeichneten Videos vom Apfelbaum, vom Überfall der Krähen, etc. ergänzt und erweitert sie das Spiel und integriert dazu die Musik von “Nine Inch Nails“, die mit ihrem Elektro-Punk Spannungsbögen schaffen, die den Drive des Theaterabends unterstützen. Das ergibt in dieser Zusammensetzung einen gelungenen Abend, in der alle Theatermittel zusammenkommen, um eine spannende Geschichte zu erzählen.

Von Manfred Jahnke