Er ist wieder da


Augsburger-Allgemeine

Großer Diktator ganz klein

Zur Eröffnung der Figurentheater-Festivals ist im Stadthaus Timur Vermes’ „Er ist wieder da“ zu sehen. Warum die ungewohnte Form bekommt der Hitler-Satire gut bekommt.

Fünf Tage lang sind Figurentheater aus dem Ländle zu Gast in Ulm – zum 15. Geburtstag des Ersten Ulmer Kasperletheaters. Bürgermeisterin Iris Mann hat die 14. Baden-Württembergischen Figurenspiele eröffnet; diese Kooperative der Figurentheaterhäuser findet einmal jährlich und in diesem Jahr erstmals in Ulm statt. Zum Auftakt zeigte das Marotte-Figurentheater Karlsruhe im Stadthaus eine Puppen-Inszenierung von Timur Vermes’ vor vier Jahren erschienenen Bestseller „Er ist wieder da“.

Künstlerisches Puppentheater ermöglicht einen anderen Blick auf eine Geschichte als Schauspiel, weil die Figuren entpersonalisierte Distanz halten. Es ist erkennbar Spiel: Pappkameraden, Marionetten agieren da. Eine übermenschengroße Halbfigur Adolf Hitlers, die Akteur Jan Mixsa aus dem Körper zu wachsen scheint, und kleine Handpuppen schaffen in dieser Inszenierung räumliche Perspektive, verkörpern aber auch die Dominanz der „Führer“-Figur, ohne diese „menschlich“ zu machen.

Bizarr wird es, wenn sich Hitler in den beiden Puppen-Figuren selbst begegnet. Mixsa und seinem Co-Darsteller Carsten Dittrich gelingt es mitreißend und mit körperlicher Anstrengung, über knapp zwei Stunden ein fiktives Wiedererwachen Hitlers in Berlin im August 2011 zu zeigen. Es ist Satire, über die angesichts der Distanzierung durch die Puppen gelacht werden kann, wenn Hitler in Berlin in die türkische Reinigung Yilmaz gerät, wenn er angesichts des heutigen Berlins meint, die Situation im Reich habe sich verbessert, und wie er irritiert auf moderne Kommunikationsmedien reagiert, aber rasch ihre Nutzbarkeit für Propaganda begreift. Eine Agentur erkennt quotenträchtiges Comedy-Potenzial, und weil man Hitler für einen Schauspieler hält, macht er in Windeseile Karriere, wird zum YouTube-Star und erhält den Grimme-Preis. Doch ausgerechnet von den NPD-Mitgliedern, auf die er trifft, ist Hitler schwer enttäuscht – und er wird letztlich von ihnen mitten in Berlin krankenhausreif geprügelt.

Je bitterer die Satire dann wird, desto mehr bleibt das Lachen im Hals stecken. Denn im Krankenhaus erhält Hitler Anrufe von namhaften Vertretern der bundesdeutschen Parteienlandschaft – von der Linken über die Grünen bis zur AfD hätte man ihn gern als Parteimitglied. Doch hier wird Regisseur Detlef Heinichen ein wenig tendenziös: Dass eine einzige Partei nicht via eines Teufelchens um Hitler wirbt, kann als manipulativ verstanden werden.

Selten greift ein Stück die menschliche Beeinflussbarkeit durch eine hemmungslos auf Profit ausgerichtete Unterhaltungs- und Informationsindustrie so deutlich auf: Nur eine einzige alte Frau merkt, woher der Wind weht; sonst nimmt keiner die Figur ernst. Hitler, der durch Fernsehen und Internet als Kabarettist Hochgespülte, erhält einen hoch dotierten Buchvertrag. „Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand“, schrieb Max Frisch in „Biedermann und die Brandstifter“.