30 Jahre Figurentheater marotte in Karlsruhe


Doubel 1/2018

MIT KÄNGURU-SPRUNG ZUM ERWACHSENENPUBLIKUM

Lange Jahre galt das Karlsruher Figurentheater marotte in erster Linie als Kinderbühne. Mit einem kleinen Spielerteam stemmen die Karlsruher mit jährlich über 700 Vorstellungen ein Riesenpensum. Mehr als 30000 Besucherinnen kommen alleine in das Theaterhaus, in dem die marotte neben zwei Schauspielbühnen residiert und rund die Hälfte ihrer Vorstellungen: spiel!. Nach 30 Jahren hat das rührige Ensemble mittlerweile auch die Erwachsenen für sich gewonnen. Nicht zuletzt durch einen großen Sprung, mit dem das Theater seit einigen Monaten ausgerechnet einem kommunistischen Känguru zur Bühnenpräsenz verhilft.

Von Johannes Frisch — Dabei hatte für den i956 im sächsischen Neustadt geborenen Thomas Hänsel im unter sozialistischen Vorzeichen stehenden Teil Deutschlands der Berufsweg eher als Problem begonnen. “Ich hätte nach dem Studium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst gerne ein eigenes Theater aufgezogen,” so der diplomierte Puppenspieler, der den DDR-Oberen jedoch als politisch unzuverlässig galt und wegen seines vorlauten Mundwerks aneckte. Immerhin begründete er gemeinsam mit (dem derzeit als Friedrich Liechtenstein späte Underground-Popstar-Karriere genießenden) Holger Friedrich das bis heute existierende Hohnsteiner Puppenspielfest, ehe er per Heirat in den Westen übersiedelte und vom Arbeitsamt als unvermittelbar registriert wurde. In Stuttgart traf er auf Frank Soehnle, einen der ersten Absolventen des neuen Figurentheater-Studiengangs an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst, und erhielt zugleich das Angebot, sich um die Nachfolge einer verwaisten Karlsruher Puppenbühne zu bemühen. Gemeinsam bewarben sich die jungen Spieler aus Ost und West, bekamen als Team den Zuschlag und gründeten das Figurentheater marotte, das in den ersten drei Jahren stark von der ästhetischen Handschrift und Ausstattung Frank Soehnles geprägt war. Als dieser Karlsruhe verließ und sich mit dem Figurentheater Tübingen selbständig machte, begann Thomas Hänsel nach dem eigenen Stil zu suchen, für den Hänsels Faible für Humor und seine ironische Grundhaltung zum Beruf des Puppenspieler grundlegend wurde. Auf eine bestimmte Technik freilich wollte er sich und seine Mitspieler nicht festlegen: “Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um herauszufinden, was ich wirklich will. Aber ich finde es nach wie vor toll, immer wieder neu experimentieren zu können und mit allen Mitteln der toten Materie Leben einzuhauchen.” So faszinieren bei der marotte gleichermaßen Handpuppen, Tischfiguren, Schattenfiguren, Marionetten und Objekte das große und kleine Publikum.

Im Lauf der Jahre etablierte sich ein Ensemble erfahrener Spielerinnen und Spieler, die mit unterschiedlichen Stärken verschiedene Facetten einbringen. So brillieren Carsten Dittrich und Thomas Hänsel als leidenschaftlich komödiantische Typen, während Friederike Krahl nicht nur eine virtuose Spielerin ist, die gerne nachdenklich machende Themen aufgreift, sondern auch eine weithin gefragte Regisseurin. Bereits 25 Jahre im Ensemble ist Claudia Olma, die in der Verbindung von Puppen- und Schauspiel starke Akzente durch ihre physische Ausstrahlung und stimmliche Präsenz zu setzen vermag. Neuester Zugang ist seit diesem Jahr Sebastian Kreutz, ein früherer Publikumsliebling am Badischen Staatstheater, der als Schauspieler seine Liebe zum Spiel mit Material und Puppen entdeckte. „Wir sind ein festes Team, jeder bringt seine Vorschläge ein und wir entscheiden gemeinsam, wohin die Reise geht,“ erzählt Hänsel, “auf der anderen Seite hat aber jeder auch noch außerhalb der marotte Kontakte und Aktivitäten, was das Theater ungemein befruchtet.“

FACETTENREICHES SPIEL

Auch wenn die marotte nach wie vor ihre meisten Vorstellungen für ein Publikum im Kindergartenalter spielt und durch Gastspiele und auf Festivals vor allem mit Kinderstücken präsent ist, richtet sich mit mittlerweile zehn Stücken ein Gutteil des Repertoires an ein erwachsenes Publikum, und an jedem Wochenende finden Abendvorstellungen statt. ,,Wenn man ein ganzes Leben lang immer nur für Kinder spielt, dann bleibt schon etwas auf der Strecke,” meint Thomas Hänsel. Er genießt es, seit einigen Jahren häufiger als früher auch ein erwachsenes Publikum in Staunen zu versetzen. Wichtig ist ihm dabei das offene Spiel, das nichts versteckt, und dennoch die Menschen vollkommen der Illusion erliegen lässt, zum Beispiel ein Lappen sei ein lebendiges Geschöpf. Russische Satiren des Schriftstellers Michail Sostschenko, Timur Vermes Bestseller “Er ist wieder da”, Monty Pythons Kultfilm “Die Ritter der Kokosnuss”, burleskes Kasperltheater wie “Arbeitslos und Spaß dabei” oder der Dauerbrenner “17, blond und scharf wie Rettich” – meist sind es der Spaß am höheren Blödsinn und schräger Humor, die die Großen in die marotte locken. Bisweilen gibt es aber auch Abende mit poetischem Tiefgang, etwa wenn Friederike Krahl im Doppeldrama “Herzrasen – Das Liebesleben der Kuscheltiere” mit tierischen Geschichten die Herzen der Zuschauer anrührt.

“Wenn man ein festes Haus bespielt, ist man Sklave seines Publikums,” konstatiert Thomas Hänsel, der mit Blick auf den Spielplan darauf verweist, dass es zwar viele tolle Ideen gebe, aber das Theater es sich nicht leisten könne, zwar reizvolle, jedoch wenig publikumsträchtige Stoffe zu erarbeiten: “Anders als eine Truppe, die keine eigene Spielstätte hat und stattdessen für Festivals produziert, inszenieren wir hier für unser Publikum vor Ort und stehen damit in der Konkurrenz der anderen Häuser.“ Auch wenn die marotte etwa mit Therese Thomaschkes Inszenierung von “Romeo und Julia” eine gelungene Shakespeare-Adaption im Programm hat, erkennt Hänsel, dass das Publikum klassische Dramen lieber auf der Schauspielbühne sieht: “Bei uns ist eher die schrille Groteske mit bisweilen absonderlichem und schwarzem Humor gefragt.” So sorgen aktuell die als “Die Känguru-Chroniken“ bekannt gewordenen, von Mark-Uwe Kling aufgezeichneten Ansichten eines vorlauten Beuteltiers über Wochen im Voraus für ein ausverkauftes Haus.

Trotz dieser Erfolge sieht Hänsel auch heute noch Hemmschwellen für ein Publikum jenseits des Kindergartenalters. Schon Schüler zu erreichen sei ein Problem: “Es herrscht immer noch die Vorstellung, kleine Kinder gehen ins Puppentheater. Schüler gehen ins ,richtige’ Theater. Dabei machen auch wir ,richtiges’ Theater,” sagt Hänsel. Er ist davon überzeugt, dass Menschen, die schon früh im Theater Visionen vermittelt bekommen, anders mit ihrem Leben umzugehen imstande sind, Eigentlich brauche es eine zweite, eigene Spielstätte, um das ältere Publikum zu erreichen. Als ausgesprochener Türöffner fungiert dagegen die marottinale, ein kleines, aber feines Festival, das im März 2018 seine 13. Ausgabe erlebt. Auch hier bleibt die Atmosphäre des kompakten Wochenendes betont familiär und kommunikativ, wofür Hänsel von gastierenden Kollegen und Publikum viel positives Feedback erhält.