Romeo und Julia


Badische Neueste Nachrichten 01.10.2007

Romeo lässt Puppen tanzen

Premiere in der “marotte”

Wer hätte gedacht, dass mit Holzpuppen so ergreifende Liebesszenen dargestellt werden können: Atemberaubende Stille herrschte im Figurentheater marotte, als sich Romeo und Julia, die beiden großen Liebenden der Theatergeschichte, auf einer poetischen Guckkastenbühne als Marionetten begegnen. Erst blicken sie ins Publikum, wenden dann grazil ihre Köpfe und turteln Schritt für Schritt aufeinander zu. Mit ungeheuer flinken Fingern halten Friederike Krahl und Carsten Dittrich die Fäden ihrer aus Lindenholz geschnitzten Marionetten in Händen.

Die Figuren sind bis ins kleinste Detail liebevoll und individuell gearbeitet. Julias Mutter hat neben der Perlenkette auch beringte Finger, beim Ball tragen die Beteiligten prächtige Miniaturmasken mit Federn. So starr ihre Gesichter, so beweglich ihr Körper: Sie können in die Knie sinken, hüpfen, auf das Bett fallen und sich sehnsüchtig vom Balkon herunter beugen. Was diese etwa 90 Minuten dauernde, bearbeitete Fassung des Dramas zu einem bezaubernd neuartigen Ereignis macht, sind je- doch die beiden Strippenzieher. Geschwind wechseln sie die Rollen, verändern ihre Stimmen, ziehen gleichzeitig an vielen Fäden oder treten selbst vor die kleine Kiste, aus der sie so wunderbare Bühnenbilder zaubern.

Gut gelungene Bearbeitung
Rasch verwandeln sie den Kasten in das Haus der Capulets, in Garten, Kirche, Ballsaal mit Spiegel wänden oder in Julias Himmelbett. Krahl und Dittrich bespielen auch die Seitentreppe, so dass man gut beobachten kann, wie sie drei Marionetten gleichzeitig meistern. „Du falsch geschnürte Marionette“ lautet der kurzerhand an die Situation angepasste Ausspruch. Regisseurin Therese Thomaschke beweist ein gutes Gespür bei ihrer Bearbeitung. Sie streicht den Originaltext von Shakespeare gekonnt zusammen, lässt an wichtigen Stellen die bildgewaltigen Verse des Engländers unberührt stehen und verknüpft diese mit zeitgenössischen Zusammenfassungen.

Schon zu Beginn treten beide Schauspieler ohne Puppen vor den Kasten und entfachen mit Regenschirmen den Familienzwist zwischen den Montagues und den Capulets. Auch die Fechtszenen liefern sich Krahl und Dittrich – zum großen Spaß des Publikums – mit echten Degen. Selten wurde diese Liebestragödie mit so viel frischer Leichtigkeit gestemmt wie hier. Vergnügt verfolgt man das kunterbunte Treiben, das den Atem des Stückes herzerfrischend und modern vermittelt. Das Duo versteht sein Handwerk, es sind Profis, die selbst ungeheuer viel Freude an ihrem Spiel haben, weshalb der Funke sofort überspringt. Man vergisst, dass es sich „nur“ um Puppen handelt. Selbstverständlich leiht Krahl der Julia ihre eigene Hand, um den verhängnisvollen Becher an den Mund zu führen. Sie flößt ihren Figuren so viel Leben ein, dass diese beseelt durch alle Höllenqualen der Liebe taumeln.

Verschmitzte Spieler
Der Schelm sitzt den Puppenspielern im Nacken: unbekümmert liefern sie sich ein heiteres Wortgefecht bei der berühmten Frage nach Nachtigall oder Lerche. Und dieser Carsten Dittrich! Welche Spannbreite an stimmlicher Ausdruckskraft, wie viel Verve und purzelnder Charme! Er erntet als piepsige Amme Szenenapplaus, wechselt sogleich zum strengen Vater und verleiht dem kahlköpfigen Pater markante Züge. Das Premierenpublikum spendete dem zauberhaften Theatererlebnis in der marotte tosenden Beifall.

Ute Bauermeister