Käpten Knitterbart


Die Rheinpfalz, Montag, 21 Juni 2010

Schlafsuppe und ein geraubter Schatz

Figurentheater “marotte” spielt “Käpten Knitterbart”

BADRKHEIM. Unter Seemännern herrschen raue Sitten, wie am Donnerstag im Haus Catoir zu sehen war. Dort wartete eine Schar junger Landratten gespannt darauf, in die abenteuerliche und wunderliche Welt der Piraten entführt zu werden: Das “marotte Figurentheater“ aus Karlsruhe spielte “Käpten Knitterbart“ nach dem beliebten Buch von Cornelia Funke.

Sie sind zerzaust, stoppelig, zottelig und raubeinig, die übrig gebliebenen Männer von Knitterbarts Bande. Und sie haben ein großes Ziel: den Goldschatz des Roten Bill zu rauben. Interessant, wie die Inszenierung diese Geschichte von rückwärts aufzieht: Da steht Darsteller und Figurenspieler Andreas Kilger in Gestalt des Roten Bill auf der Bühne und jammert um seinen geraubten Schatz.

Auch er hat nicht die feinsten Manieren und schnäuzt sich kräftig ins große blaue Zaubertuch, Immer wieder arbeitet der Figurenspieler mit ausdrucksvollen Geräuschen und Lautmalereien, lässt aus seinem Mund kräftig das Meer rauschen, die Wellen im Sturm brausen und den Wind tosen, er lässt die Seemänner heftig vor Lachen prusten und vor Wut schnauben. Auch zeigt er mit Spielfreude und vollem Körpereinsatz, wie es Bills schiffbrüchigem Koch “Schimmelbrot” im Gewitter und bei hohem Wellengang ergeht.

Die am Rückengriff und Genickstab geführten Tischfiguren sind ausdrucksvoll gestaltet: Puppenbildnerin Vera Kniss hat ihnen in die von Sonne und Wind gegerbten Gesichter viel Charakter gegeben. Ihre Beweglichkeit nutzt der Figurenspieler geschickt: Wenn sich zum Beispiel der kahle Knut nach Hause zu seiner Mama und ihrem Kräutertee sehnt, so sinkt sein Puppenkörper betrübt in sich zusammen. Besonders reizvoll wirken die Größenunterschiede zwischen den Mannschaften: Die Männer vom Roten Bill treten als kleine Ein-Finger-Puppen in Erscheinung. Noch dazu gibt Kilger ihnen eine lustige, mundartlich gemischte Sprache, aus deren unaufhörlich dahergebrabbelten Lauten der Zuschauer nur einzelne Worte heraushört.

Die lustigen Bühnenwinzlinge werden alsdann mit einer Schlafsuppe außer Gefecht gesetzt und schnarchen sogleich in ihren Hängematten ein, die aus Schöpfkellen bestehen — damit ist für Knitterbart und seine Leute der Weg zum Schatz frei.

Schlafen in Schöpfkellen? Aber ja. Das ganze Bühnenbild ist geprägt von witzigen Einfällen, die der Phantasie viel Raum zum Ausmalen lassen. Ein Überseekoffer und eine alte Klappleiter bilden erst Knitterbarts Schiff, dann die Insel des Roten Bill. Und dort wird es richtig spannend und geheimnisvoll: Taue türmen sich zu einem beweglichen Lianengeflecht auf und eine Schlange windet sich biegsam und geräuschlos daran hoch. Währenddessen öffnet und schließt sich ein Fächer als flatterndes, schillerndes Faltertier. Der Zuschauer fühlt sich sofort in einen stimmungsvollen Urwald versetzt.

Mit der Bühnengestaltung aus wenigen Requisiten löst sich die Inszenierung unter Regie von Claudia Olma von cler Buchvorlage, während die Handlung eng damit verbunden bleibt. Zum phantasievollen Humor trägt auch die Musik bei und Andreas Kilger, der mit sichtlichem Spaß schauspielerisch einsteigt, erweist sich als sangesfreudiger Roter Bill, Nach dem Raub und abenteuerlichen Verlust des Schatzes durften die begeisterten Kinder noch auf Tuchfühlung mit den Figuren gehen. “Du bist ganz geschwitzt”, sagte dabei ein Mädchen zum Figurenspieler, Kein Wunder!

Sigrid Ladwig

FOTO:FRANK