Die drei Räuber


BADISCHES TAGBLATT, 24.10.2014

Tiffany bringt Farbe in die Räuberhöhle

Karlsruher Figurentheater “marotte” zeigt Tomi Ungerers Kinderbuchklassiker

“Gelb, das ist meine Lieblingsfarbe!” schreit der erste Räuber. “Rot!” der zweite. “Blau!” Und das kleine Mädchen ruft hinterher: “Bunt!“ Ach, wie hat sich das Leben der drei Räuber doch verändert. Normalerweise tragen sie einen großen, schwarzen Umhang, haben große, schwarze, spitze Hüte auf dem Kopf. Normalerweise gehen sie nachts raus, überfallen die Kutschen, die durch ihren schwarzen, dunklen Wald fahren. Erschrecken die Pferde mit Pfefferspray, sodass sie davon galoppieren. Bedrohen gar die Kutschenfahrer mit einer großen Pistole: “Geld oder Leben!“ Normalerweise zerhacken sie dann den Wagen, nehmen die Beute, Gold, Perlen, Edelsteine, und verschwinden in der dunklen Höhle mitten im dunklen Wald.

Aber dann wird alles anders: Einmal überfallen sie wieder eine Kutsche, aber statt Perlen und Edelsteine finden sie ein kleines Mädchen, Tiffany. Und da Tiffany keine Eltern mehr hat und im Wald ganz allein wäre, nehmen die drei Räuber sie mit in ihre Höhle.

“Die drei Räuber” ist ein Kinderbuchklassiker von Tomi Ungerer, eine witzige und anrührende Geschichte um drei Männer und ein kleines Mädchen. In der Karlsruher “marotte” wird es jetzt unter der Regie von Thomas Hänsel als Figurentheater aufgeführt. Es ist ein großer Spaß, denn zu dem Witz von Ungerer kommt der Witz der Bearbeitung und der Spielwitz von Claudia Olma und von Sebastian Kreutz, den Karlsruhern wohlbekannt als hervorragendes Ex-Mitglied des Staatstheaters. Virtuos spielen die beiden mit Licht und Schattenfiguren, bunten aus dem Kinderbuch ausgeschnittenen Bildern wie der Axt oder der Pistole, mit den vier armgroßen Handpuppen auf der kleinen Bühne. Virtuos spielen sie auch mit ihren Stimmen, mit denen sie die verschiedenen Charaktere darstellen, mit Eulenschrei und Pferdewiehern.

Und sehr schön spielen sie auch mit dem jungen Publikum, animieren die Kinder zum Mitmachen, zum Wolfsgeheul und Wasserfallrauschen, und zum Mitsingen – besonders das “Popellied”, das in Ungerers Buch nicht vorkommt, kannten sie alle. Und da es heißt: “Hast du mal eine Freundin, dann sei ihr immer nobel / Und wenn sie dir ein Küsschen gibt, schenkst du ihr einen Popel” Manche Witze werden an den Kleinen vorbeigerauscht sein, wie das “Frühstück mit Tiffany”, oder die Frage eines Räubers, ob die Auszuraubenden auch Aktien oder Derivate haben. Andere, wie Kreutz’ übertriebenes, ironisches Entsetzen, als Olma sagte: “Du spielst die Frau!“, verstanden auch sie. Oder die gewollten Versprecher: “Es gibt drei Höhlen in dieser Regel, äh: drei Regeln in dieser Höhle.”

Und so wird die schöne Geschichte bewegend und dabei pfiffig dargeboten und mit viel Hintersinn. Denn Tiffany bringt nicht nur Normalität, sondern auch viel Farbe in das Leben der Räuber, mit ihrer Pippi-Langstrumpf-Frisur und ihren bunten Tüchern. Sie bringt sie zum Nachdenken über sich und ihr Tun, macht ihnen Spaghetti zum Frühstück, was ja für die Räuber, die nachts “arbeiten”, das Abendessen ist, bringt sie dazu, dass sie sich mehr um sie kümmern als um ihren Job. Bis selbst der grumpfelige Anführer sie zärtlich zudeckt. Und als sie am Schluss fragt: “Was macht ihr denn mit dem ganzen Gold?”, merken sie, dass sie es gar nicht wissen. Und dann kommen sie auf die Idee, ein Haus für Waisenkinder zu bauen – aber richtig bunt.

“Die drei Räuber” ist eine fantasiereiche Inszenierung, die noch ein wenig konzentrierter sein könnte. Dennoch unterhält sie nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene und bringt sie zum Lachen und Nachdenken.
Georg Patzer