marottinale
4. Karlsruher marottinale
Figurentheater-Festival
12. – 15.03.2009
Die Rheinpfalz, 20.03.2009
Spinnen mit Spinnen
Grandioses Figurentheater bei Karlsruher ,,Marottinale”
Vier Tage lang war das Karlsruhe Figurentheater “marotte“ bei der vierten “Marottinale” wieder das Mekka dieses Genre. Acht Produktionen wurden gezeigt. von Stücken für Kinder ab vier Jahren bis zu Programmen für Erwachsene.
Die “marotte” selbst war mit ihrer schönen Shakespeare-Produktion “Romeo und Julia” beteiligt, die anderen Bühnen kamen zum Teil von weit her, einige – wie das Theater Handgemenge aus Berlin – gastieren immer wieder mal in Karlsruhe.
Mit der Aufführung jenes Berliner Theaters “Über den Klee oder Die Knochen in meinem Kopf”, bei dem Nachbauten der von Klee selbst entworfenen Handpuppen verwendet wurden, gab es ein apartes Vergleichsstück zu dem eigenen Paul-Klee-Stück der “marotte”.
Gleich zwei Mal spielte das Theater Urknall aus Berlin und Erfurt seine Märchenversion sehr frei nach den Brüdern Grimm “Rumpelstilzchen XY ungelöst”. Die beiden virtuosen, in jeglicher Hinsicht wandlungsfähigen und biegsamen Spieler Dorothee Carls und Michael Hatzius gewinnen dem bekannten Stoff allerhand ungewohnte Aspekte ab. Die brave Müllerstochter ruft hier den Privatdetektiven Pums zu Hilfe, um sich vor dem giftigen Zwerg zu retten. Doch dann – oh Wunder – nimmt das Geschehen eine ungewohnte Wendung, die Müllerstochter und das Rumpelstilzchen werden Freunde, der ziemlich unsympathische König bleibt allein zurück.
So frech und ungeniert wie diese Verdrehung der Geschichte ist das ganz hinreißende Figurentheater. Das Spiel mit den Spielebenen ist köstlich aufgelockert. Ständig verändern sich das Verhältnis der Spieler zu dem von ihnen Gespielten. Die Spieler greifen sozusagen als “Privatpersonen” gelegentlich aktiv und folgenreich ins Geschehen ein. Sehr wirkungsvoll und geschickt ist auch der Umgang mit den Spielelementen. Ein alter Schreibtisch wird zur multifunktionellen Bühne. Die sehr markanten, unbekleideten Figuren von Müller, Müllerstochter, König und Rumpelstilzchen (Christian Werdin, Judith Mähler, Kattrin Michel) im Gegensatz zur fast lebensgroßen adipösen Puppe des Pums – der Name ist hier Programm – zeugen ebenfalls von einer eminent originellen und herrlichen unkonventionellen Kunst des Spiels mit Figuren. Wie kann das Rumpelstilzchen eigentlich Stroh zu Gold spinnen? Jetzt wissen wir es: es geht nur mit Spinnen. mit den Tierchen mit den vielen Beinen. (rg)
Badische Neueste Nachrichten, 13.03. 2009
Kleine Form, großer Spaß
Auftakt der marottinale
Alles im Theater wird immer kürzer. Selbst die Klassiker werden gern auf Länge eines Fußballspiels zusammengestrichen. Schön, wenn mal jemand hingegen klassische Texte so richtig auskostet und aus lediglich drei Gedichten ein 75-minütiges Programm gewinnt. Wobei: Langatmig war er keine Sekunde, der Abend ,,Deutsche Balladen einmal anders”, mit
dem das Felgentreu-Grünmeffert-Theater aus Potsdam die 4. marottinale im Karlsruher Figurentheater marotte eröffnete.
Das Prinzip ist simpel, aber effektiv: Man nehme zwei größtmögliche Gegensätze, in diesem Fall die enthusiastisch-naive Literaturdozentin Dr. Herta Hutzler-Grünmeffert (Cathrin Bleyl) und den gestressten Theatermacher Franz Henry Felgentreu (Wolfgang Lasch), und lasse sie aufeinander prallen. Frau Doktor möchte dem Publikum gern deutsche Balladen nahe bringen, Herr Felgentreu soll das Geschehen auf der (Kasperltheater-)Bühne untermalen. Und da sorgt er schon beim Vortrag von Julius Wolfs ,,In Sturmes Not” mit oralen ,,Soundeffekten” und den Zwischenrufen seiner Puppen dafür, dass dieser Text, der vor wunderbar altertümlicher Dramatik geradezu hebt, fast ebenso untergeht wie das vom Sturm umtoste Schiff. Was aber noch gar nichts ist gegen den Krach, den Herr Felgentreu auslöst, als er zur Darstellung du ,,ohn Unterlass“ prasselnden Regens in Schillers ,,Bürgschaft” scheppernde Requisiten ans Publikum austeilt.
Da könnte man bei Laschs Darstellung des arg zerstreuten Literaturdozenten Böswetter, der sich bei der Analyse des ,,Jägers aus Kurpfalz” stets im Rock von Frau Doktor verfängt, fast von leisem Humor sprechen, wenn er nicht gerade in dieser grundunsympathischen Rolle so brüllkomisch wäre. Was übrigens auch von den einleitenden Grußworten der ,,Echse aus
Berlin“ zu sagen ist.
Andreas Jüttner
Badische Neueste Nachrichten, 16.03. 2009
Mit Fee und Ironie
Muntere Produktionen bei der „marottinale”
Vorhang hoch und Spot auf… ein kleines haariges Ding mit acht Beinen, das gemächlich über den Tisch krabbelt. Während des Karlsruher Figurentheaterfestivals ,,marottinale“ der Karlsruher ,,marotte“ stehen ungewöhnliche Akteure im Rampenlicht. Hat sich nicht jeder schon einmal gefragt, wie es Rumpelstilzchen gelingt, aus Stroh Gold zu machen? Durch Spinnen, na klar! Das ,,Theater Urknall“ aus Erfurt und Berlin löst in seinem Stück gemeinsam mit Privatdetektiv Pums unbeantwortete Fragen des Märchens. Dabei lassen sich auch die Puppenspieler Micheal Hatzius und Dorothee Carls mehr und mehr in die Handlung von ,,Rumpelstilzchen xy ungelöst” hineinziehen.
Der Humor des Stücks ab sieben Jahren funktioniert durch ironische Bemerkungen und hintergründigen Wortwitz für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Der Ausgang des Märchens ist nicht vorgeschrieben sondern wird bestimmt von den handelnden Figuren: die schöne Müllerstochter Müto nimmt nicht nur ihr Schicksal selbst in die Hand, sondern bewahrt Rumpelstilzchen vor dem Tod. Das Stück zieht seinen Facettenreichtum aus der einfallsreichen Spielweise, der Differenziertheit der Figuren und einem neuen Blickwinkel auf das alte Märchen.
Ihr Schicksal selbst zu bestimmen, davon ist Alma Hase weit entfernt: Tag für Tag träumt sie davon, einmal das Meer zu sehen, und begnügt sich vor lauter schlimmen Vorahnungen dann doch damit, zu Hause zu bleiben und dem Meeresrauschen in ihrer Muschel zu lauschen. Unter der Regie von Lisa Augustinowski präsentieren die Berliner Schauspielerin Stephanie Rinke und die Stuttgarter Puppenspielerin Susanne Olbrich das Stück ,,Die Muschellauscherin“ für Kinder ab sechs Jahren. In Almas kleinem Zimmerchen hat alles seinen Platz: der Spiegel, die Zimmerpflanze, die Zahnbürste, Muschel und Spieluhr – und der Schlüssel, den Alma nicht anrührt, weil vor der Wohnungstür viele Gefahren lauem. Doch dann poltert Fee Mia vom Amt für scheinbar unerfüllbare Wünsche in ihr Leben und nichts ist mehr wie es war.
Die zuschauenden Kinder sind begeistert von der liebenswert-chaotischen Puppe, die Almas Leben komplett auf den Kopf stellt. Ein dichtes Repertoire pantomimischer Elemente, eingefügter Trickfilme und filmischer Anleihen machen aus dem schweren Thema ein poetisches und zugleich witziges Plädoyer dafür, über den eigenen Schatten zu springen und seine Träume zu leben. Schon gar, wenn einem eine Fee dabei hilfreich zur Seite steht. Das geplante Stück „Über den Klee…“ oder „Der Knochen in meinem Kopf“ des Berliner Theaters ,,Handgemenge“ und „united puppets“ musste aufgrund von Krankheit leider entfallen. Die Produktion wurde kurzfristig durch das Karlsruher Stück ,,Klumpwisch und Lichtgeist im Zimmer von Paul Klee“ ersetzt.
Swenja Zaremba