5. Karlsruher marottinale


Figurentheater-Festival
11. – 14.03.2010



Die Rheinpfalz, 03.2010

Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Die fünfte Marottinale im Karlsruher Figurentheater marotte mit vielen verschiedenen Akteuren und Regie-Ideen

Bereits zum fünften Mal fand in der marotte in Karlsruhe das Figurentheater Festival Marottinale statt, das an vier Tagen die unterschiedlichsten Formen modernen Figurenspiels präsentierte. Das fast ausschließlich von Gastensembles dargebotene Programm ließ die Liebhaber des Figurenspiels von drei bis 93 Jahren auf ihre Kosten kommen.

Zur Premiere gab es das Stück “Don Quichotte” der Theaterfirma Erfurt — ein gebührender Auftakt für das Festival. Rahmenhandlung ist ein Spiel im Spiel: Der kasachische Theaterdirektor Igor steht mit seiner Frau Olga ohne Requisiten und Puppen auf der Bühne, da seine Angestellten wegen mangelnder Entlohnung das Weite gesucht haben. Um die Abendvorstellung nicht platzen zu lassen, improvisieren die beiden nach einigen Erklärungsversuchen an das Publikum das Stück und stellen mithilfe der Überbleibsel ihres Hab und Cuts, einer Vielzweckleiter, Stoffresten und Filzhüllen von Musikinstrumenten, die Szenen nach. Diese Idee ist zwar nicht neu, doch das, was Christiane Weidringer und Klaus M, Tkacz daraus machten, war hinreißend. Der ständige Wechsel zwischen Rahmenhandlung und eigentlichem Stück war voller erfrischender Pointen und Ideen. Faszinierend, wie mit wenigen Lumpen und der ständig umgebauten Leiter Bilder zu Don Quichotte entstanden. Letzterer wurde nacheinander zum Esel, zur Windmühle, zum Haus, zur Trage, zum Gefängnis und zu vielem mehr.

Mittels einer Unterhose wird aus Haushälterin Olga schnell Knappe Sancho Panza.

Die beiden Akteure wechselten mithilfe weniger Handgriffe ständig Rollen und Aussehen. Christiane Weidringer, als treibende Kraft des Spiels, war Haushälterin Olga und, wenn sie die Röcke in ihre riesige “Unterhose” stopfte, Sancho Panza. Dem Zuschauer wurde ein Schnelldurchlauf der beiden Bücher des Don Quichotte geboten, mit sehr freier sprachlicher Interpretation der literarischen Vorlage, doch ohne Auslassen der wesentlichen Passagen. Manches wirkte fast klamaukhaft heiter, doch gab es auch Schockierendes. Begleitet von verhaltenem Zuschauerprotest wurde beim Kampf des Don Quichotte gegen die Riesen, die eigentlich nur Schafe waren, auf offener Bühne ein Kuschelschäfchen massakriert. Fehlten Darsteller, so wandelten sich Hüte zu Puppen, ein Zuschauer wurde kurzerhand auf die Bühne geholt. Den märchenhaften Abschluss des Stückes bildete die Rückkehr Don Quichottes nach Hause. Seine als Schattenspiel dargebotenen Fieberträume wurden zu einem der Höhepunkte des Abends.

Auch ein anderes Stück des Abendprogramms, “Die Reise zum Mittelpunkt der Welt”, lebte von Sprachwitz und der Umwandlung einfacher Gegenstände zu großen Fantasiegebilden. An Jules Vernes erinnerten freilich nur die Namen Professor Lindenbroock und Arne Saggnusson, dargestellt von Ronald Mernitz und Tilo Müller, die sich aufmachen, um weltberühmt zu werden. Die beiden stehen im ständigen Konkurrenzkampf zueinander, während Lindenbroock sich allein durch seinen Titel für allwissend und erhaben fühlt, kommt Arne Saggnusson die undankbare Rolle des Verlierers zu. Zunächst brechen die zwei zu einer von beiden Spielern mit viel Pathos vorgetragen Reise ins Weltall auf Begleitet von Erzählungen und Dialogen manövrieren sich die Widersacher von einer Katastrophe in die nächste. Ein Bettgestell ist die zentrale Requisite in diesem Spiel mit Fiktionen. So stellt dieses während der Weltraumexpedition zunächst den Planeten dar, auf dem die beiden mit ihrer Raumfähre, einem Kreisel, landen. Während Arne den als Mond, nichts anderes ist dieser Planet, erkundet, erklärt der Professor, dass Saggnusson ja keinen Sauerstoff mehr habe. So nimmt die erste Katastrophe ihren Lauf. Aber Arne rettet sich sowohl aus dieser wie auch aus jeder Menge anderer unglaublicher Situationen, in die ihn der Professor hineinerzählt. Die zurückgekehrte Raumkapsel landet mit den beiden auf dem Mount Everest, von dem sie sich durch halsbrecherische Abseilaktionen retten wollen. Aber was nicht auf “normalem” Wege geht, funktioniert mithilfe der Fantasie. So ist der ganze Abend gefüllt mit Surrealem, das die beiden Erzähler auf heldenhafte Art und Weise meistern. Unglaubliches wird erfunden und erlebt, der Zuschauer kommt aus dem Staunen und Lachen ob der unvorstellbaren Abenteuer nicht heraus. Durch einen Vulkanausbruch gelangen beide zurück an den Anfang ihrer Reise, die sie zwar nicht weltberühmt, aber doch zu Freunden gemacht hat.

lm Kinderprogramm standen – ganz klassisch – die Puppen im Vordergrund. “Das Bärenwunder” nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Wolf Erlbruch wurde von Stella Jabben gespielt- Der Bär, der sich nach dem Winterschlaf nach einem kleinen Bären sehnt, wurde mit einer knuffigen Handpuppe dargestellt. So lebensecht, dass er von den kleinen und großen Zuschauern sofort ins Herz geschlossen wurde. Der arme Bär weiß nicht, woher die Kinder kommen, dabei hätte er doch nur einmal genauer zuhören müssen, was die Kinder im Publikum ihm zugerufen haben. Aber dann hätte die schöne Geschichte ja nicht ihren Lauf genommen…

In “Des Kaisers neue Kleider” rächen sich eine Katze und eine Motte an dem Herrscher.

Auf seiner Suche nach einem kleinen Bären begegnet der große Bär einer Reihe von Tieren, die ihm mit guten, aber leider nicht richtigen Ratschlägen zur Seite stehen. Schließlich, der Bär ist schon ganz unglücklich, begegnet ihm endlich ein Bärenweibchen, und nach dem nächsten Winterschlaf ist er zum Bärenpapa geworden. Ein schönes, ohne Effekte auskommendes Handpuppenspiel.

Von besonderer Art war das Stück für Kinder ab fünf Jahren “Des Kaisers neue Kleider – Der große Coup der kleinen Viecher”, vorgetragen von Pierre Schäfer und Daniel Wagner, die von früheren Marottinalen gut bekannt sind. Die beiden Puppenspieler sind als Kammerdiener und als kurze Erläuterungen gebende Großmutter in das bekannte und um viele Pointen erweiterte Märchen Christian Andersens eingebunden. Was hat denn eine etwas dumme und gefräßige Kleidermotte, die an Kermit, den Frosch von den Muppets, erinnert, darin zu suchen? Nun, er wird der Katze helfen, sich zu rächen. Denn der Kaiser ließ in seinem Wahn, sich immer modisch zu bekleiden, dieser das Fell abziehen, um daraus einen Pelzkragen zu machen. Die Katze, die genau weiß, was sie will, und die Motte treten als Weber auf, Sie geben vor, aus den besten Zutaten Stoffe zu weben, die aber nur derjenige sehen kann, der klug ist, Während die zur Verfügung gestellten Garne im Magen der Motte landen, wird ein “Nichts” als Stoffdeklariert. Natürlich geben sich weder Kammerdiener und Minister noch Kaiser die Blöße, zu gestehen, dass sie weder Stoffe noch Kleider sehen.

Pierre Schäfer und Daniel Wagner zeigen faszinierendes Figurenspiel, die Puppen werden regelrecht zum Leben erweckt. Mit vielen lustigen Einfällen nimmt die Handlung ihren Lauf Am Ende betritt der Kaiser nackt die Bühne und das Volk, hier die Zuschauer, stimmt brav den einstudierten Lobgesang an. Dann tritt aber Stille ein bis – wie im Märchen – ein Kind aus dem Publikum spontan “der ist ja nackig” sagt. Eine faszinierende Aufführung, die Lust auf mehr Figurentheater machte. (jua)



Badische Neueste Nachrichten Samstag, 13.03.2010

Feuerwerk voller Ideen

Fünfte ,,marottinale” eröffnete mit “Don Quichotte”

Fast immer gibt es zu einer guten Nachricht auch eine schlechte. So auch diesmal. Um sich und seiner Frau Olga den Traum von einer neuen Heimat in Spanien verwirklichen zu können, hat der kasachische Regisseur Igor am falschen Ende gespart und sein Puppentheaterensemble nicht bezahlt. Das hat sich daraufhin mit Puppen, Instrumenten und Bühnenbild davongemacht und Olga und Igor kurz vor der Premiere von “Don Quichotte” mit ein paar kläglichen Resten zurückgelassen.

So viel zur “schlechten” Nachricht, die als amüsante Rahmenhandlung zur fulminanten Inszenierung um den spanischen Romanhelden von Cervantes fungiert. Die gute Nachricht: Olga und Igor, mit viel Charme und Witz von Christiane Weidringer und Klaus Michael Tkacz verkörpert, machen aus der Situation das Beste. Mit dem Stück “Don Quichotte” wurde die fünfte “marottinale” — das Festival des Figurentheaters „marotte“ – eröffnet.

Im Mittelpunkt des Spektakels steht eine mehrteilige Multifunktionsleiter, von deren Wandelbarkeit der gemeine Heimwerker bisher nichts ahnte. Ob Studierzimmer, Pferderücken, Gefängnis oder aber die berühmten Windmühlenflügel – es scheint nichts zu geben, in das sich das Handwerksgerät mit ein bisschen Fantasie nicht verwandeln ließe.

Ebenso wie die Schauspieler Gerade noch der verzweifelte Igor, verwandelt sich Tkacz mit Hilfe einiger geschickt drapierter Filzquadrate in den gerüsteten Don Quichotte, nur um sich kurz darauf mit denselben Stoffstücken in neuer Anordnung als lüsterner Pfarrer zu entpuppen. Wunderbar auch Weidringer in ihren wechselnden Rollen. Wer hätte gedacht, dass in ein Paar lange Unterhosen ein kompletter Rock passt, sodass in Windeseile aus der vollbusigen Magd Maria der dickbäuchige Knappe Sancho Pansa werden kann. Auch hier kommen die Filzplatten wieder zum Einsatz: Dieses Mal in runder Form: So bilden sie Kopfbedeckungen, die vom keuschen Nonnenhäubchen mit wenigen Handgriffen zu Ritterhelmen oder breitkrempigen Sonnenhüten werden. Ergänzt wird dieses Ideen-Feuerwerk von Wortwitz (“Ich bin Don Quichotte von Mancha” – “Nein, von Cervantes!”) und Musikalität, die das Publikum in herzliches Lachen und donnernden Applaus ausbrechen lassen.

Trotz dieser unkonventionellen Interpretation oder gerade ihretwegen, gelingt es den beiden Künstlern Christiane Weidringer und Klaus Michael Tkacz, die eindringliche Botschaft dieses Klassikers, nämlich die Frage nach Traum und Wirklichkeit, der Weltliteratur nicht zu vernachlässigen. So herrscht am Ende der eineinhalbstündigen Aufführung, als Don Quichotte stirbt, stille Ergriffenheit im Figurentheater „marotte” — die vom Freudentaumel Igors und Olgas, nach diesem Erfolg doch noch auswandern zu können, aufgelöst wird und sich in einen verdienten donnernden Applaus verwandelt. (Swantje Huse)



Badische Neueste Nachrichten, 16.03.2010

Volles Haus bei der “marottinale”

In Sachen Figurentheater macht mittlerweile auch das Publikum eine gute Figur. Offenkundig hat sich herumgesprochen, dass in der “marotte” neben liebenswerten Kinderstücken auch Bühnen-Vergnügen für Erwachsene geboten wird — und dass dies ganz besonders für das jährliche Festival “marottinale” gilt. Nun schlugen mal wieder an vier Tagen insgesamt elf Aufführungen einen weiten Bogen über verschiedene Genres des Puppentheaters und hatten dabei eine erfreuliche Gemeinsamkeit: Sie waren samt und sonders ausverkauft. Auf rund 1 400 Besucher bezifferte “marotte” – Leiter Thomas Hänsel die Bilanz. Hoch zufrieden zeigte er sich nicht nur mit der Auslastung, sondern auch mit dem Programm und dem Verlauf. Selbst eine durch einen kleinen Unfall vorübergehend bedrohte Aufführung am Sonntagnachmittag ging glatt über die Bühne – der befürchtete Bruch des Fingers eines Mitspielers stellte sich als Verstauchung heraus.

Neben einer großen Palette an Kinderstück-Gastspielen von Bühnen von Wismar über Berlin bis Basel konnte sich auch das Abendprogramm sehen lassen. Von amüsantem Objekttheater bei “Don Quichotte” (wir berichteten) über atmosphärisch eindrucksvolles Puppenspiel voll archaischer Urkraft mit der Romanadaption “Schlafes Bruder” bis zum poetischen Künstlerdrama “Über den Klee” reichte die Palette — und ganz frischer Wind wehte in der kecken Actionfilmparodie “Speed”: Anna Menzel und Lena Schlott zeigten ihre Vordiplomarbeit von der Ernst-Busch-Schauspielschule Berlin in einem Late-Night-Ambiente, das diesem 50-minütigen Pointengalopp durch eine ohnehin schon rasante Story den angemessenen Rahmen gab. (Andreas Jüttner)