marottinale
3. Karlsruher marottinale
Figurentheater-Festival
17.-20.04. 2008
Puppen Menschen & Objekte 2008/1, Nr. 98
Eindrücke von der marottinale 2008
3. marottinale vom 17. bis 20. April 2008 in Karlsruhe
“Die Berlinale mit ein bisschen Schweiz” ist der Untertitel des diesjährigen Karlsruher Figurentheaterfestivals marottinale. In der Tat kommen fast alle Theater aus Berlin: Lutz Großmann, Eva Kaufmann, das Duo Ranke und Geist, Theater O.N. und Theater auf der Zitadelle. Margrit Gysin kommt aus der Schweiz und fühlt sich offensichtlich wohl unter ihren in Berlin lebenden Kollegen.
Von ihr sah ich das Stück “Mimmi und Brumm”. Anstelle einer Kritik, möchte ich das Stück so beschreiben:
“Sind Geheimnisse leicht oder schwer?”, fragt die Spielerin gleich zu Anfang.
“Schwer!”, tönt ein Stimmchen aus dem Publikum.
“Wer ist stark?” – “Ich!”, meldet sich wieder das Mädchen, diesmal bestimmter.
Margit Gysin, als liebevolle Oma mit dem strengen Dutt verkleidet, reicht dem Kind das schwere Buch, das zugleich die Bühne für die Abenteuer von Mimmi, der Maus und Brumm, dem Bären, ist. Es hebt es.
“Klatschen für Marie!”
“Manchmal kann man Geheimnisse riechen. Riechst du etwas? Ach! Es riecht nach Blumen!”
“Manchmal kann man Geheimnisse hören. Hörst du etwas? Ach! Du hörst ein Kratzen?”
“Es kratzt, es riecht nach Blumen und ist schwer… Na, dann schaut doch rein in das Buch!”... und so fängt die Geschichte von Mimi und Brumm an, die an sich keine Geschichte ist, denn die Geschichte hat ein Loch. Aber es ist ein spannendes Loch, das die Geschichte zum glücklichen Ende bringt.
Eine süße, liebevolle, witzige Geschichte für die Kleinen, gespielt von der großen Dame der Erzählwelt.
Zu einem Höhepunkt des Festivals wurde der “Sommernachtstraum” von Shakespeare in der Inszenierung des Theaters auf der Zitadelle für Jugendliche und Erwachsene. Wer sich an solch einen Klassiker wagt, ist mutig, denn es gibt unzählige Vergleichsmöglichkeiten im Schauspiel.
Im Saal spürte man eine gespannte Atmosphäre voller Erwartung an die Figurenspieler, an ihre Interpretation des klassischen Stoffes. Das Publikum wurde nicht enttäuscht und tobte anschließend vor Begeisterung. Die Mischung Schau- und Stockmarionettenspiel ist reizend. Die berühmte Spielszene, die sich die Handwerker für die Hochzeit des Herzogs ausdenken, ist als Schattenspiel clever gelöst und eindrucksvoll. Es gibt viel zu lachen und zu schmunzeln bei dieser Liebeskomödie der enttäuschten Herzen und der fatalen Verwechselungen, wie z.B. in meiner Lieblingsszene, wo sich die Göttin unsterblich in einen Esel verliebt. Die Wege der Liebe sind eben unergründlich … darauf lieber Shakespeare, trinken wir ein Bier! Das Wortspiel gab es ja auch, hm, hm…Es war ein gelungener kurzweiliger Abend dank Regina, Daniel und Ralf Wagner, die Akteure von Theater auf der Zitadelle.
Zurück in Berlin gab mir meine Kollegin Regina Wagner ihre Eindrücke der marottinale 2008 wieder, denn sie sah mehr Stücke als ich. Ihr gefiel das Stück für die ganz kleinen Kinder “Rotbällchen” von Eva Kaufmann. Ein Ball wird zu einer Figur und spielt Geschichten: Spiele im Spiel. “Das Stück war sehr charmant. Mir gefiel diese schöne Genauigkeit, die die Spielerin hatte”, meint Regina Wagner. “Viel Spaß machte mir auch “Hase und Igel” vom Theater O.N., denn die zwei älteren Herren, die durchaus um ihr Alter wissen, spielen diese bekannte Fabel mit einer solchen Spielfreude, dass sie wiederum jung aussehen. Schöne witzige Ideen haben die beiden Erzähler eingebaut: die Flachfiguren aus Pappe und der große Kreis mit der dicken Schicht Konfettis, der als Bühne dient. Die Konfettis flogen immer mit und gaben jeder Bewegung eine gewisse Spritzigkeit. Alles in allem war es ein sehr gelungenes Festival unter der liebevollen Regie und Betreuung von Thomas Hänsel des marotte-Figurentheaters.”
Die marottinale ist ein eigenständiges Karlsruher Festival, geplant, organisiert und zusammengestellt vom Leiter des Marotte Figurentheaters Thomas Hänsel. Finanziert wird es mit städtischen Mitteln. Es besteht eine Zusammenarbeit mit dem zeitgleichen Festival “Imaginale” in Stuttgart und Mannheim. “Eine gute Idee”, meint Herr Hänsel, denn diese Zusammenarbeit erlaubt eine größere Auswahl bezahlbarer Auftritte; wenn Künstler schon Vorort sind, sinken die Reisekosten. Vielleicht wird dieses Modell der zeitgleichen – und von der Entfernung her gesehen nahen – Festivals Schule machen.
Muriel Camus, Théâtre Anima
Badische Neueste Nachrichten, 15.04.2008
Von wegen Tritratrullala!
Innovatives Figurentheater bei Karlsruher „marottinale“ und Großfestival „Imaginale“
Von wegen Tritratrullala! „Kasper tot. Schluss mit lustig?“ heißt das Stück des Berliner Handpuppenspielers Lutz Großmann, in dem finstere Mächte dem Urvater aller Theaterpuppen an den Kragen wollen. Schluss mit lustig ist dabei aber definitiv nicht – im Gegenteil: Mit dem schwarzhumorigen Vexierspiel um Realität und Theater geht der Spaß erst richtig los. Lutz Großmann eröffnet mit _seinem Stück am 17. April die dritte „marottinale“ im Karlsruher Figurentheater marotte – ein Festival, das bis Sonntag, 20. April, drei Erwachsenen- und drei Kinderstücke aus Berlin präsentiert und von einem Gastspiel der Grande Dame des Figurentheaterspiels, Margit Gysin aus der Schweiz, abgerundet wird.
Dass Figurentheater eben weit mehr ist als Kinderunterhaltung, zeigt sich nicht nur in dem spannenden Programm, sondern auch an der Einbettung der „marottinale“ in einen größeren Rahmen: Zeitgleich wird nämlich das internationale Festival „Imaginale O8“ in Stuttgart und Mannheim eröffnet, bei dem Großmann weitere Auftritte haben wird, und das bis 27. April währende Großfestival bietet insgesamt 23 europäische Theaterensembles mit Künstlern aus neun Nationen – Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Russland, Spanien. Dadurch wiederum gibt es auch im Pforzheimer Figurentheater Mottenkäfig eine Art Festival, denn im Rahmen der „Imaginale“ gastieren vom 25. bis 27. April dort drei Produktionen, unter anderem Lutz Großmanns Kasper-Abgesang.
Dass sich in Stuttgart eine eigenwillige ästhetische Schule des Figurenspieler etabliert hat, wird von den Imaginale“-Veranstaltern als ein Indiz herangezogen, dass sich Baden-Württemberg als „westdeutsche Hochburg des Figurentheaters profiliert“ hat. Anteil daran hat freilich auch die Karlsruher „marotte“ unter ihrem rührigen Leiter Thomas Hänsel, in deren Räumen die Stuttgarter Absolventen bereits des Öfteren gastierten.
Bei der „marottinale“ lassen die Karlsruher diesmal ihre ebenfalls guten Verbindungen in die Bundeshauptstadt spielen. So folgen in der Fächerstadt auf Großmann noch eine mehrfach preisgekrönte Puppenversion von Shakespeares „Sommernachtstraum“ (18. April) sowie die Revue „Zinnober“, die ein Märchen von E. T. A. Hoffmann mit den sarkastisch heiteren Gedichten von Robert Gernhardt verbindet, (19. April, Beginn jeweils um 20 Uhr). Für das junge Publikum gedacht, wegen der liebevollen Ästhetik und der innovativen Ansätze aber sicher auch für die „Großen“ reizvoll sind die Kinderprogrammstücke „Rotbällchen“ (18., 9.30 Uhr, ab drei Jahren), „Hase und Igel“ (20., 16 Uhr, ab fünf Jahren) und „Lotta zieht um““ (20., 11 Uhr, ab fünf Jahren).
Und auch dass Margrit Gysin ihr Stück „Mimmi und Brumm“ (19., 15 Uhr) über eine Maus und einen Bär, die in einem Buch wohnen, für Kinder ab drei Jahren spielt, sollte nicht davon abhalten, hinter der kleinen Form große Kunst zu erwarten.
Andreas Jüttner
Badische Neueste Nachrichten, Samstag, 19.04.2008
Kasper in der Krise
Schwarzhumorige Eröffnung der dritten “marottinale”
Er kommt nie zu spät. Aber auch den Begriff rechtzeitig kennt er nicht. Bestechlich ist er nicht, Vorteile räumt er niemandem ein: “Ich hole alle”, sagt er apodiktisch. Er kann es sich in seiner Position auch leisten: als schicksalhafter Fadenzieher im Allgemeinen und jetzt, im besonderen Fall, sowieso. Denn dem Tod ist das Textbuch in die Hände gefallen: Jene unumstößliche Urschrift, nach welcher der Kasper sein Tritratrallala trällert, die Großmutter und das Gretchen sich seit Jahrzehnten strikt an ihre Rollen halten müssen. Deshalb ist nun Schluss mit lustig. Der Tod schreibt das Buch um, inszeniert das Stück neu und sorgt als Inspizient für einen reibungslosen Ablauf.
Die Bühne: in einem schwarzen, mannshohen Kasten untergebracht, klein, karg, düster. Die Darsteller: Kasper, Großmutter, Gretchen, König, Exekutive, Arzt. Das Stück: “Kasper
tot. Schluss mit lustig?” Der Anfang: Kasper in weißem Totenhemd, auf der Glatze ein wippender Haarbusch, das aschfahle Gesicht um die Nase gerötet – eine tragikomische Gestalt, vom Alter gezeichnet. Doch das weiß er nicht, denn er ist der “einzig wahre Kasper”. Bis er merkt, dass ihm das Witzerzählen immer schwerer fällt und stattdessen finstere Gedanken über die Zukunft der Menschheit aus seinem Mund rollen. “Was ist das für ein Text?”
Lutz Grossmann läutete mit seinem grandiosen, schwarzhumorigen Handpuppenspiel die dritte “marottinale” ein. Es war ein fesselndes Spektakel zwischen Wirklichkeit und Theater, Politik und Spiel, Realität und Fantasie: Die Puppengesichter erzählten lebendig und echt von ihren Gefühlen und Gedanken, und die kleinen, sparsamen Bewegungen ließen die Figuren lebendig und leibhaftig werden. Da ist die Großmutter: Pflegestufe 3, haarlos, gebrechlich, ständig auf der Suche nach dem Tod. Der König lamentiert über die leeren Staatskassen und macht den Kasper dafür mitverantwortlich: Ein Kind soll er machen, “sonst Rübe runter”. Das kokette Gretchen kann dem Kasper nicht verzeihen, dass er ihr “Papy aus dem Fenster keworfen hat” und becirct den König. Dessen Büttel droht als Exekutive dem Kasper mit dem Knüppel: Das sei nichts Persönliches, aber Befehl ist Befehl. Und ist am Ende wirklich Schluss mit lustig? Kaspers Antwort: Es gilt “die Macht des geschriebenen Wortes”.
suma
Badische Neueste Nachrichten, Montag, 21.04.2008.
Ehekrach und Mäusemädchen
Drei Produktionen zeigen: Die marottinale in Karlsruhe war ein schöner Erfolg
Hässlich ist er: Der Kopf so groß wie ein Ballon, das Gesicht verzerrt und verzogen, die Nase ein scheußliches Monstrum. Klein Zaches röchelt und rotzt, stammelt und krächzt, bis die Fee Rosabelverde Mitleid mit dem “Wechselbalg” hat, dem “Alräunchen”, und ihm prächtige Zinnoberhaare zaubert, die jeden betören. Er wird reich und berühmt, die ganze Welt liegt ihm nun zu Füßen: Klein Zaches wird Minister, und selbst Candida, die anmutige Professorentochter, ist dem selbstherrlichen Blender verfallen.
“Heiratet. Liebt Euch.”
Mit dem krönenden Abschlussstück “Zinnober – Heiratet. Liebt Euch. Hungert zusammen” ging jetzt das Erwachsenenprogramm der marottinale zu Ende. Was sich da auf der kleinen Bühne im Figurentheater “marotte” zeigte, war eine Mischung aus Menschen- und Puppenspiel, inszeniert von Frauke Jacobi nach E.T.A. Hoffmanns genial ironischer Erzählung “Klein Zaches, genannt Zinnober”, gespickt mit spitzen Texten von Roben Gernhardt: Es war eine atemlose Revue über die Blasiertheit eines Gernegroß mit augenzwinkerndem Blick auf heute, gepeitscht von derbdirekten und unsinnigen Wortspielereien auf der Grenzlinie zwischen Humor und Tragik.
Vertont hat das Stück, Tobias Rank, der auch am Klavier sitzt und immer wieder bescheiden und dezent an der Seite von Annegret Geist mitspielt, die von einer Rolle in eine andere schlüpft: Mal führt sie die kleine Ganzfigurpuppe und ist so sehr Klein Zaches, dass sie schlichtweg unsichtbar wird. Dann macht sie aus der Fee eine trällernde Chansonette oder spielt mit der Barbiepuppe das kokette Naivchen Candida. Kleine Schattentheaterszenen wechseln mit Schauspielerei, die beiden rezitieren mit grün angeleuchteten Gesichtern Gernhardts Nonsensgedicht über den Efeu und machen männliche Darsteller mundtot, indem sie die Ken-Figuren einfach wegstellen. Und wie bei E.T.A. Hoffmann endet Klein Zaches, durch die eigene Eitelkeit zu Fall gebracht, wieder als missgestalteter, knurrender Gnom.
suma
Nicht minder fesselnd: Shakespeares “Sommernachtstraum”, das vom Berliner Puppentheater Zitadelle in Karlsruhe aufgeführt wurde. Alles dreht sich da um die Liebe und ihre Wirrungen. Hermia liebt Lysander und er sie zurück. Die schöne Helena liebt Demetrius, der hat aber nur Augen für Hermia. Durch eine Zauberblume verhext lieben plötzlich Demetrius und Lysander die vorher verschmähte Helena, dafür steht nun Hermia alleine da. Dann gibt es noch die Herrscher der Elfen, Oberon und Titania. Die beiden haben einen ordentlichen Ehekrach, in dem Ehemann Oberon dank der Zauberblume seine Frau mit einem Esel verkuppelt. Dazu kommt noch die Hochzeit des Herzogs, für die die Handwerker Zettel und Schnock ein Theaterstück schreiben. Thema: unglückliche Liebe.
Das Chaos ist schnell perfekt
Kurzum: Das Chaos ist schnell perfekt. Den Berliner Puppenspielern Regina und Daniel Wagner gelingt es jedoch durch den Einsatz verschiedener Spielebenen Ordnung ins Verwirrspiel der Herzen zu bekommen. Der Wechsel zwischen Marionetten, Handpuppen und reinem Schauspiel hilft dem Zuschauer den Überblick zu behalten. Zu zweit meistern Regina und Daniel Wagner spielend den Wandel zwischen den einzelnen Ebenen. Völlig reibungslos und natürlich verlaufen diese Szenenwechsel. Nichts wirkt da mühsam oder hölzern. Vielleicht liegt das daran, dass das Berliner Theater Zitadelle ein echtes Familienunternehmen ist. Mutter und Sohn auf der Bühne, Vater am Mischpult.
Der schnoddrige Berliner Dialekt jedenfalls, den Zettel und Schnock in der Inszenierung pflegen, ist eines der Highlights des Abends (“Theater – dit kann jeder.”). Kurzweilig und komisch wird Shakespeares Stück präsentiert. Und so müde wie Oberon und Titania am Ende von Streit und Liebestrunkenheit sind, so müde ist das Publikum – vor Lachen.
leja
Spaß mit “Mimmi und Brumm”
Dass auch die Kleinen auf ihre Kosten kamen, zeigt beispielsweise das Stück “Mimmi und Brumm”, Mimmi ist ein vorwitziges Mäusemädchen, Brumm ein gutmütiger Bärenmann. Beide sind winzig klein und wohnen in einem Buch. Sie klettern durch ihr großes, geheimnisvolles und wunderschön verschnürten Buch, finden ein Loch in der Geschichte, erleben Alltägliches und Abenteuerliches, vermehren Küsse, putzen Sterne, malen Sonnen, singen und streiten. Für sie ist jeder Tag ein Fest, ein Heute-Fest. Denn Mimmi und Brumm verstehen was vom Leben.
Der Schweizerin Margrit Gysin – der Grande Dame es Figurentheaters – gelingt es mit Leichtigkeit, die ganz kleinen Dinge und die großen Themen des Lebens miteinander zu verknüpfen. “Mimmi und Brumm” ist die Rehabilitation des Teddybären als Bühnenpersönlichkeit. Frei nach den Bilderbüchern von Gabriele Vincent entwickelt Margrit Gysin aus kleinen Alltäglichkeiten poetische und phantasievolle Geschichten. Dabei erweist sie sich als Meisterin des Erzählens und des Figurenspiels; seit 30 Jahren macht sie große Kunst für Kleine, die auch Große verzaubert. “Figurentheater ist für mich Verkörperungskunst, Märchen und Geschichten stecken voller Bilder, die emotional und seelisch berühren, Lebendigkeit und Kreativität fördern”, erklärt sie.
Andersartigkeit, Solidarität, Menschenwürde und Sinnfragen sind Themen, aus denen die 1949 geborene Puppenspielerin ihre Stücke schreibt. “Es reizt mich, aus unspektakulären Kleinigkeiten Geschichten entstehen zu lassen”. Die Lebensfreude, die Gysin über ihre Puppen versprüht springt mühelos auf die Kinder über. Einfach zauberhaft.
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DIE RHEINPFALZ, Freitag, 25.04.2008
Kasper, Tod und Teufel – und vieles andere mehr
Die virtuose Kunst und Vielfalt des Figurentheaters bei der dritten Marottinale in der “marotte” in Karlsruhe
Die Marotlinale, das Festival des Karlsruher Figurentheaters „marotte“, fand in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Sowohl im Kinder- als auch im Abendprogramm für Erwachsene waren ausschließlich Gastspiele zu sehen. Mit Ausnahme der schweizerischen Puppenspielerin Magrit Gysin, die mit „Mimmi und Brumm“ für Kinder ab drei Jahren auftrat, spielten Berliner Gruppen. Weshalb die Veranstalter das Festival schmunzelnd mit den Untertitel “Berlinale, mit ein bisschen Schweiz” versahen.
Im Abendprogramm für Erwachsene wartete das Festival mit drei sehr unterschiedlichen Darstellungsformen des Figurenspiels auf, die aber jeweils eigenen Reiz und Ausstrahlung hatten. Zur Eröffnung wurde ein nicht ganz k1assiches Kaperlestück – „Kasper tot. Schluss mit lustig?” – aufgeführt. Dieses ist als Diplomarbeit am Fachbereich Puppenspielkunst all der Ernst-Busch-Hochschule Berlin unter Leitung von Hans-Jochen Menzel entstanden. Lutz Grossmann hält dem Zuschauer mit seinen äußerlich und auch „innerlich“ maroden Handpuppen den Spiegel vors Gesicht. Tod und Teufel verbünden sich, tun endlich den Kasper zu überlisten. Dieser soll sterben, es soll keinen lustigen und frechen Kasper mehr geben. Deshalb schreibt der Tod das Textbuch um und wird am Schluss triumphieren – oder doch nicht? Kasper, ältlich und leichenblass, betritt die Bühne. Jubel-, Hoch- und sonstige Rufe, die der als Inspizient im Stück auftretende Tod mit dem Publikum einstudiert hat, entfallen sang und klanglos, da der Kasper des Lebens müde, von Sorgen und Selbstzweifel geplagt erscheint. Die Witze bleiben ihm im Hals stecken.
Auf Anraten des Inspizienten sucht er verzweifelt Hilfe bei dem als Arzt verkleideten Teufel. Dieser erklärt ihn umgehend für sterbenskrank und gibt ihm nur noch wenige Minuten. Trost und Hilfe findet er weder bei seiner morbiden und todessehnsüchtigen Großmutter, noch bei seiner geliebten Gretel, die zu allem Übel auch noch ein Verhältnis mit dem König eingeht. Dennoch lässt sich der Kasper nicht so leicht überlisten. Als er merkt, dass dunkle Mächte am Werk sind und das Textbuch verfälscht wurde, entzieht er sich dem Spiel durch Flucht ins eigene Unterbewusstsein. Zurückgekehrt, versucht er den Intrigen aus Macht, Geld und sozialer Ungerechtigkeit zu entkommen. Fast scheint es, dass Kasper die Oberhand gewinnt. Leer geht der Teufel aus, überlistet wird der Tod, erleichtert ist das Publikum. Da kehrt der Tod zurück und gibt Kasper den berühmten Kuss.
Das Publikum folgt der Handlung belustigt, lacht über Ein- und Zweideutigkeiten sowie den Anmerkungen des Kaspers zur aktucl1ell Sozialpolitik. Zuletzt es wird still und beklemmend im Theater, als der Tod mit der Leiche des Kaspers auf dem Rücken das Publikum anschaut. Doch Gott sei Dank ist alles nur ein Spiel und nach wenigen Augenblicken ist Kasper wieder putzmunter auf der Bühne und schilt das Publikum, das seinen Tod beklatschen wollte. Spätestens da ist das hervorragende Spiel von Lutz Grossmann zu erkennen, der in diesem Stück nicht nur Unterhaltung bietet, sondern auch viel Sozialkritik und Stoff zum Nachdenken gibt.
„Ein Sommernachtstraum“
Der zweite Marottinale-Abend brachte ein Figurenspiel! in traumhaft schöner Ausgestaltung und Darbietung. Das Theater in der Zitadel1e mit Mutter Regina und Sohn Daniel Wagner als Akteure spielte unter der Regie von Therese Thomaschke den „Sommernachtstraum“ von Shakespeare. Eine große, tempelartige Puppenbühne belebt von meisterhaft gespielten Stabpuppen, Marionetten, fast lebensgroßen Handpuppen und den beiden schauspielernden Akteuren verzauberte den Zuschauer mit liebevollen Details und überraschenden Effekten. Die beiden Puppenspieler agieren als die Handwerker Zettel und Schnock, dic für die Hochzeit des Herzogs von Athen mit der Amazonenkönigin Hippolyta ein Theaterstück einüben möchten.
Voller Fantasie, Witz und Pointen halt sich das Stück stets eng an seine literarische Vorlage. Star der Aufführung ist zweifellos Troll Puck, der mal als; Marionette einer Fliege gleich über die Bühne saust, um dann – schwupps – als Stabpuppe auf dem Theaterdach zu landen. Eine perfekte Traumwelt, in der auch Titania und Oberon mal als Stabmarionette, mal als große und kunstvolle Handpuppe ihre übernatürlichen Spiele treiben. Nur die irrend, verwirrend liebenden Paare sind auf die Puppenbühne gebunden und stets als Stabmarionette zu sehen. Die variabel dargestellten und auf verschiedenen Ebenen agierenden Figuren betonen die unterschiedlichen Welten des Stückes, die „reale Welt“ und die „Traumwelt“ der Elfen. Die Irrationalität des Puppenspiels erreicht ihren Höhepunkt bei der Vorstellung der Handwerker für die Hochzeitspaare. Hier bekommen Puppen ein Puppenspiel vorgeführt. Zettel stottert sich mitleiderregend schön durch den Abend und nach seinem lelzten Hänger „Shakesss…”, von Schnock ergänzt mit „…peare“, beschließt man das zu tun: Ein Bier zu trinken! Wer Zweifel hat, ob Figurenspiel etwas für Erwachsene sei, der wird spätestens nach einer Aufführung wie dieser seine Meinung revidieren müssen.
„Klein Zaches“
Auch am dritten Abend der Marottinale zeigte in einer Bearbeitung von Robert Gernhardt die Geschichte des Klein Zaches oder Zinnobers; von E.T.A. Hoffmann in einer ironisch, erotischen Nacherzählung, was Figurentheater für Erwachsene zu bieten hat. Das von Frauke Jacobi erarbeitete Konzept wurde durch Annegret Geist und Tobias Rank spielerisch umgesetzt. In der temperamentvollem Puppenrevue schlüpfen Annegret Geist und Tobias Rank in die unterschiedlichsten Rollen. Klein Zaches als kindgroße Handpuppe wird von Annegret Geist schönschaurig zum Leben erweckt. Sie lässt den Zuschauer sowohl Ekel als auch Mitleid für diese Figur empfinden. Als Fee Rosabelverde verhilft sie Klein Zaches durch das Geschenk der roten Haare zu seinem sozialen Aufstieg. Kongenial ergänzt durch Tobias Rank, der nicht nur am Klavier durch gefühlvolles Spiel besticht. Als Zauberer Prosper Alpanus gibt Tobias Rank den Widerpart der Fee Rosabclverde, womit sich eine rein inhaltliche Verbindung zur Elfenwelt des Vorabends herstellen lässt. Die anderen Protagonisten der Erzählung, der Professor Mosch Terpin, seine Tochter Candida, der Student Balthasar und seine Nebenbuhler werden durch Barbiepuppen dargestellt und fungieren eher als Statisten der Revue. Im Mittelpunkt stehen die Texte, die, ob gesprochen oder gesungen, voller Ironie und Witz, in exzellenter Art und Weise von beiden Spielern vorgetragen werden. Die Figuren dagegen untermalen die Geschichte des Abends.