Speeddating für Senioren


BNN Montag, 05.07.2021

Anrührender Liebesreigen

Jeder kennt diese unangenehme Stille, wenn sich zwei Personen zum ersten Mal gegenüber sitzen. Diesen Moment, in dem keiner weiß, was er sagen soll. Der bedeutungsschwere erste Satz will einfach nicht über die Lippen kommen. Es herrscht die totale Leere im Kopf.

Doch in diesen sechs Puppen entwickelt sich im Laufe der Aufführung im marotte Figurentheater so einiges. Regisseur Tristan Vogt hat mit den Puppenköpfen, die von den beiden „echten“ Darstellern im Wechsel aufgenommen und mit Körper und Leben versehen werden, eine spannende Mischung aus echt und distanziert geschaffen. Zu Beginn präsentieren Friederike Krahl und Sebastian Kreutz ihre Kandidatinnen und Kandidaten für das Speed-Dating fast schon makaber auf einer Art Tablett. Sie tragen den jeweiligen Kopf nicht aufs Schafott, sondern auf den schulterhohen Tresen.

Die drei Männerköpfe auf der einen, die drei Damenköpfe auf der anderen Seite. Anschließend erklären Krahl und Kreutz die Regeln für das „Speeddating für Senioren“, so auch der Titel des Theaterstückes. Marc Becker hat diesen amüsanten und anrührenden Liebesreigen geschrieben, der nun im marotte Figurentheater Premiere hatte.

Wie die einsamen Seelen versuchen, einander näher zu kommen und dabei scheitern, dann auch mal die Karte zu Hilfe nehmen, um neue Gesprächsthemen zu finden, das ist an sich schon unterhaltsam. Richtig Fahrt gewinnt das Stück jedoch durch das geniale Zusammenspiel zwischen Friederike Krahl und Sebastian Kreutz.

Wie die beiden mit den jeweiligen Köpfen jonglieren, sie sich mal auf den Arm setzen, mal mit ihnen tanzen oder dezent die Hinterköpfe zeigen, sie streicheln oder auf dem Tisch drehen, das alles entwickelt sich zu einer echten Sensation. Mal streitlustig, mal mitfühlend, mal authentisch, mal witzig, entfaltet sich hier eine wirklich große Bandbreite. Dabei genügen den beiden Darstellern nur einige wenige Requisiten, um die ganze Palette menschlicher Sehnsüchte auszudrücken.

Ausgestattet von Joachim Torbahn mit einem Drehtisch, zwei Stühlen, ein paar Tassen, bunten Strohhalmen und einem Tuch entspinnt sich auf der Bühne ein Beziehungsgeflecht mit all seinen zwischenmenschlichen Komplikationen und Fallstricken. Kleine Porzellangliedmaßen in Form von Armen und Beinen werden mal als Besteck, mal als Schachfiguren eingesetzt, um den ewigen Reigen zwischen Männlein und Weiblein zu symbolisieren.

Soll er die Tür nun aufhalten oder eher nicht, ist das altmodisch oder Gentleman-like? Haben Tiere weniger Streit, weil sie nicht miteinander sprechen? Ist am Ende die Sprache an allem Schuld, weil wir einander nicht richtig verstehen und Dinge nicht so gemeint haben, wie sie beim anderen ankommen? Es ist ein unterhaltsamer, bisweilen tiefgründiger Abend, den das Publikum über 70 Minuten belustigt verfolgt und mit viel Applaus belohnt.
Ute Bauermeister