Der "kleine Eisbär" kommt ins Wohnzimmer

Das Figurentheater marotte bietet während des Lockdown virtuellen Eintritt ins Theater


BNN, 10.12.2020

Normalerweise herrscht in der Adventszeit Hochbetrieb im marotte Figurentheater mit Nachmittags- und Abendvorstellungen von speziellen, zu dieser Zeit des Jahres passenden Stücken, welche die Augen von Groß und Klein zum Glänzen bringen, die Herzen erwärmen und auf Weihnachten einstimmen. Doch in diesem Jahr, indem – wenig überraschend – „Corona-Pandemie“ zum Wort des Jahres gewählt wurde, ist alles anders. Thomas Hänsel und sein Ensemble haben sich den Herausforderungen gestellt und neue Ideen und Konzepte entwickelt, um der Krise zu trotzen.

„Die marottinale konnten wir noch bis zur letzten Vorstellung durchführen, danach war Schluss. Wir waren wie alle überrascht, da ja nicht nur die Vorstellungen im Haus, sondern auch alle Gastspiele abgesagt wurden“, erzählt Thomas Hänsel, der das Figurentheater seit 1991 leitet, wie er die Zeit des ersten Lockdowns im Frühjahr erlebte. „Mit meinem Kollegen Rusen Kartologlu hätte ich noch eine dreiwöchige Tour mit ,Ali Baba‘ in Schleswig-Holstein gehabt – nach vier Tagen wurden wir nach Hause geschickt.“ Da die Spieler freie Mitarbeiter seien, hätten diese mit einem Schlag keine Einnahmen mehr gehabt, so Hänsel weiter. Durch die öffentliche Förderung von Stadt und Land sei es dem Theater aber möglich gewesen ihnen für März und April 50 Prozent Ausfallhonorar zu zahlen.

Die staatlich verordnete Zwangspause ließ das Ensemble nicht untätig verstreichen, sondern nutzte sie, um ein geplantes Kinder- und ein Abendstück zu proben. Aufgrund der Hygienevorschriften musste das familiär kleine, liebevoll nostalgisch eingerichtete, im Karlsruher Theaterhaus beheimatete marotte Figurentheater auch nach den Lockerungen im Sommer geschlossen bleiben, erhielt jedoch vom Tollhaus die Gelegenheit dort im kleinen Saal einige seiner Stücke zu spielen.

Die Spielreihe wurde im Juni mit der Karl-May-Adaption „Winnetou – der Schatz im Silbersee“ eröffnet, die Kinderstücke „Der kleine Eisbär“, „Wicki“, „Petterssons Feuerwerk für den Fuchs“ und „Das kleine Gespenst“ folgten. Allerdings blieben die Zuschauerzahlen hinter den Erwartungen zurück – einerseits scheuten coronabedingt und trotz perfekt umgesetzter Hygienemaßnahmen vor Ort viele vor dem Besuch zurück und andererseits waren die Größe und Modernität des Tollhauses im Zusammenspiel mit den Abstandsregeln nicht förderlich für Aufführungen, die zu einem nicht geringen Teil von den Reaktionen des Publikums leben.

Bereits Ende März hatte Baden-TV im Rahmen des Sendung „Vorhang auf“ eine Aufführung des „Winnetou“ -Stückes live und ohne Zuschauer aus dem Figurentheater marotte ausgestrahlt. Die Begeisterung der Fernsehzuschauer, die dies gesehen hatten und daraufhin spenden wollten, war die Initialzündung für den wenig später auf der marotte-Homepage eingerichteten Video-shop, in dem ausgewählte Stücke gegen ein Entgelt von sieben Euro als Download ins heimische Wohnzimmer geholt werden können.

Der virtuelle Eintritt ins Theater ist einfach: Ein Klick auf das Foto der Kinder, die zuhause „Die Kuh Lieselotte“ ansehen und schon ist man im Shop und hat die Auswahl zwischen beliebten marotte-Kinderstücken, wie „Der Räuber Hotzenplotz“, „Der kleine Eisbär“ und „Ali Baba“. Zum zweiten Advent ist „Weihnachten bei Opa Franz“ dazugekommen, weitere Stücke sind in Planung. „Es war wie bei einer Probe, da spielt man auch ohne Publikum und man gewöhnt sich als Spieler schnell an die neue Situation und konzentriert sich mehr auf das eigene Spiel“, erklärt Thomas Hänsel, wie die Aufzeichnung ohne Publikum und ohne direktes Feedback funktioniert.

„Die meisten Stücke sind zwar am Reaktionen aufgebaut und immer interaktiv, aber keine Mitmachstücke. Oft spielte man die Reaktionen einfach mit. Eine Art von Improvisation, die die Spieler der marotte ja alle hervorragend beherrschen. Positive Rückmeldungen gab es viele. Eine Mutter meinte sogar, die Downloads wären zu billig. Ein Vater hat seine Kinder vor dem TV fotografiert und uns das Bild geschickt – das ist das auf der Startseite. Dank der Unterstützung privater und offizieller Seite müssen wir keinen Konkurs anmelden! „Und wer zu Weihnachten einen digitalen Theaterbesuch verschenken will, kann einen Gutschein für sieben Euro kaufen, mit dem sich die Beschenkten ein Video kostenlos downloaden können.
Karin Hoog