marottinale 2019


BNN, Mo, 25.03.2019

Der Tod tanzt im Bastrock

marottinale im Tollhaus: „George Méliès letzter Trick“

Auf der Spielfläche des Tollhaus steht eine Guckkastenbühne. Ein Zimmer ist darin zu sehen, behaglich unmodern eingerichtet. Ein alter Mann unter roter Kappe und in einem schwarz und weiß gestreiftem Hausmantel sitzt am Tisch und schreibt. Hin und wieder schaut eine resolute Dame hinein. Sie ist wohl seine Krankenschwester. Der Mann, mit den kränklichsten aller kränklichen Augenringe als siech markiert, versucht mit seinen Mitteln, der Klinge des Schnitters zu entgehen. Der da sitzt ist Georges Méliès, ein Pionier des Kinos. Gerade erst konnte man auf dem Karlsruher Stummfilmfestival eine colorierte Fassung seines berühmten Films „Die Reise zum Mond“ von 1902 sehen, jetzt gibt ihm ein Schauspieler des tschechischen Ensembles „Theater Drak“ auf dem Figurentheaterfestival „marottinale“ seine Gestalt. „George Méliès letzter Trick“ heißt das Stück. Es funktioniert ohne gesprochene Sprache, schließlich gab es zu Méliès’ Wirkungszeit noch keinen Tonfilm, und es überträgt die Filmsprache Méliès’ auf die Bühne. Hier aber schließt sich ein Kreis, denn Méliès, der die Firma seines Vaters übernehmen sollte, aber in England, wohin man ihn zum Erlernen der Sprache geschickt hatte, der Zauberkunst verfiel und Illusionist wurde, hatte sich zu den Neuerungen, die er später in seinen Filmen nutzte, durch die Tricks der Varietézauberer anregen lassen. Er gilt als der Erfinder der Stop-Motion-Technik. Dabei wird die Filmaufnahme gestoppt, ein Detail an der Szene geändert und dann weitergedreht. So können Personen urplötzlich verschwinden, Gegenstände aus dem Nichts auftauchen.

Mit diesen Mitteln nimmt im Tollhaus Méliès den Kampf mit dem Tod auf. Der kommt klassisch als Skelett. Gerne auch in vierfacher Ausführung. Doch Méliès zwingt ihn mit filmischen Mitteln, lässt ihn verschwinden und woanders auftauchen, kehrt die Fließrichtung der Sanduhr, die seine verrinnende Lebenszeit anzeigt, um. Man weiß zwar, dass diese Effekte mithilfe eines doppelten Bühnenbodens, geschickter Projektion und getarntem Fadenspiel erreicht werden, trotzdem sind die Illusion und der Spaß daran vollkommen, wird höchstens noch von der Bewunderung für die Schauspieler übertroffen, die ihre Kunst so virtuos ausüben, dass für Gedanken an die technische Umsetzung kein Raum bleibt. Ein Höhepunkt ist erreicht, als Méliès die Skelette zu sich in einen Film zwingt, der als Projektion auf der Rückwand läuft. Hier gilt das Wort des Regisseurs über dem des Todes, den er wahrlich nach seiner Pfeife tanzen lässt, und sei’s ein Cancan im Baströckchen. Schlussendlich kann zwar auch Méliès dem Tod nicht entkommen, doch seine Unsterblichkeit hat er längst erreicht, als er auf einer Mondsichel davon schwebt. Kein Star fällt mit seiner Person zusammen, darin liegt der Grund für die Unsterblichkeit und dass der Film Entrückung ist, hier war’s zu sehen. Und wie schön es war!
Jens Wehn