Die Indianer sprechen Türkisch - Karl-May-Magazin 03/20

Karlsruher Figurentheater bringt „Silbersee" auf die (virtuelle) Bühne


Von der diesjährigen Bühnen—Zwangspause sind nicht nur die Freilichtbühnen betroffen: Das Karlsruher „marotte“ Figurentheater, das seit 1987 Stücke sowohl im Kinder- als auch im Abendprogramm zeigt, hat seit Herbst 2019 „Winnetou – Der Schatz im Silbersee“ auf dem Spielplan stehen. Als im vergangenen März aus bekannten Gründen der Spielbetrieb eingestellt werden musste, sendete die marotte ihr bisher erstes Karl-May-Stück live im Lokalsender BadenTV in der Sendung „Vorhang auf“. Auch der Rezensent beobachtete von der heimischen Couch.
Der Wilde Westen ist groß, doch die Bühne der „marotte“ ist klein – deshalb mussten zwei Darsteller reichen, um Mays 1890/91 im „Guten Kameraden“ veröffentlichen Jugendroman umzusetzen. marotte-Leiter Thomas Hänsel und Rusen Kataloglu, selbst Leiter eines lokalen interkulturellen Theaters, meisterten diese Vielfach-Spaltung.
„Interkulturell“ ist hier auch gleich das passende Stichwort, denn los geht die Adaption nicht auf dem Dampfer „Dogfish“ auf dem Arkansas, sondern – in einem Integrationsbüro in der Bundesrepublik. Genauer: im Büro eines Sachbearbeiters (Thomas Hänsel), der sozusagen nebenberuflich auch Karl-May-Enthusiast ist und statt Immigranten zu integrieren, lieber mit Elastolin-figuren seinen Schreibtisch in den Wilden Westen verwandelt.
Wie ärgerlich, dass er bald von einem integrationswilligen Türken (Rusen Kataloglu) aus der Traumwelt gerissen wird. Der besteht seinen Integrationstest für den Bearbeiter eindeutig zu mustergültig, kann gar Goethe und Schiller zitieren, sodass der beflissene Beamte als nächstes Karl May einfordert – und prompt Zitate aus von Karl Marx serviert bekommt . . . Durch diese Unwissenheit und die von Karl May in seinem Vorwort zu „Winnetou l“ hergestellte Verbindung von Indianern und Türken sieht sich der am längeren Hebel sitzende Beamte zu einem regelrechten Missionsauftrag angestachelt: Um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, muss der Klient dabei helfen „Silbersee“ aufzuführen.
Passenderweise begeben sich die beiden als sie selbst agierenden Darsteller nun hinter die Leinwand, auf die verschiedene Hintergründe projiziert werden: Das Stück im Stück wird als Schattenspiel inszeniert, Kataloglu und Hänsel bedienen und sprechen alle Figuren selbst, teils im wilden Wechsel.
Die „Silbersee“ – Handlung erhält zwar starke Raffungen, die aber durch die geringe Spielzeit (knapp 90 Minuten inkl. Rahmenhandlung) und das begrenzte Personal nur zu verständlich und zumeist auch glaubwürdig umgesetzt sind. Dass z. B. Firehand wegfällt, wo Shatterhand ausreicht, ist auf Karls Bühnen ja geradezu Grundvoraussetzung. Tante Droll durch Sam Hawkens zu ersetzen (und dessen e im Namen durch ein i, oh Graus), mag sich zwar durch die größere Bekanntheit des letzteren und die Verfilmung erklären-, ist aber eigentlich schade und übersieht (wieder einmal) Drolls Potenzial.
Filmanleihen gibt es auch weitere: Sam darf wie 1962 Shatterhand auf der Leinwand einen Kampf am Seil ausfechten. Am härtesten treffen die Änderungen wohl den Großen Bären: Er muss auf der Dogfish das Zeitliche segnen. Das alles ist aber letztlich kleinkariert, man ist da viel Schlimmeres von den Reinls, Stölzls, Bludaus und Stamps dieses Planeten gewohnt.
Hätten Hänsel und Kataloglu unter der Regie von Carsten Dittrich nur ein Schattenspiel auf die Bühne gebracht und „Der Schatz im Silbersee“ gekürzt nachgespielt, wäre die Sache trotzdem bestenfalls von marginalem Interesse.
Den eigentlichen Anreiz gibt die Rahmenhandlung, die in der Marotte-Inszenierung nicht nur das Sprungbrett für eine „klassische“ Inszenierung bildet, sondern immer wieder aufgegriffen wird, wenn etwa Hänsel in schönster Beamten-Manier meckernd Kataloglu die richtige Bedienung der Puppen erklärt oder ein hinter der Leinwand begonnener Schusswechsel von den Darstellern vor selbiger mit Karnevalswaffen fortgesetzt wird.
Neben diesen komischen Elementen betont die Rahmenhandlung durch ihre Verortung im Integrationsbüro außerdem das interkulturelle Potenzial, das Karl Mays Roman bietet: Dass „Kataloglu“ zu Deutsch „Sohn des Adlers“ heißt, ist für Integrationsberater Hänsel eine Bestätigung mehr, dem Türken die Indianer näherzubringen. Hier wird ganz passend und trotzdem augenzwinkernd eine deutsche Imagination auf eine andere projiziert. – Und just vom anwesenden und einer Stimme mächtigen Vertreter der einen konstruierten „Gruppe“ unterlaufen: Konsequent lässt der eigentlich perfekt Deutsch redende Kataloglu alle im Stück auftretenden Natives auf Türkisch sprechen. Sichtlich zum Unmut Hänsels, der Winnetou schnell für sich beansprucht und diesen als einzigen Deutsch reden lässt. Wieder mal: Winnetou, der deutscheste der Indianer.
Wenn dann noch anstelle von Geiern der Bundesadler durch die Prärie schwebt und am Ende der Suche nach dem deutschen Pass … pardon: der Schatzkarte die Blutsbrüderschaft von Amts wegen die Einbürgerung besiegelt, wird endgültig klar: Der marotte gelingt es, auf humoristische Weise essentielle Aspekte von Mays Werk zu aktualisieren und zu zeigen, dass Karl May weder veraltet noch auf Reiten im Kreis und Knalleffekte reduzierbar ist.
Jonas Remmert

„Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein“

Im Gespräch mit Thomas Hänsel, Leiter des Marotte-Figurentheaters

Herr Hänsel, Interkuituralität und Integration sind Leitthemen Ihres Stückes: Was war zuerst da – die Absicht, Karl May zu spielen oder diejenige, am interkulturellen Diskus teilzunehmen?
Die Absicht, Karl May spielen, war zuerst da. Dann stießen wir bei den Recherchen auf den ersten Satz in der Einleitung von „Winnetou I“ mit Vergleich Mays zwischen Indianern und Türken. Da ich schon seit fünf Jahren mit Rusen Kartologlu das Stück ,„Alibaba und die 40 Räuber“ spiele, war die Idee geboren.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zu Karl May?
Ich komme aus der Nähe von Dresden (Neustadt/Sa. – 30km von Radebeul entfernt) und habe als jugendlicher viele Karl-May-Bücher gelesen. Die kamen von meiner Patentante aus Regensburg in Paketen mit doppeltem Boden, da in der DDR die Bücher verboten waren und erst in den 1980er-jahren verlegt wurden.

Rückblickend: Was hat Sie bei der Auseinandersetzung mit Karl May in Vorbereitung auf das Stück am meisten überrascht?
Sein ungeheures Wissen über Flora und Fauna Amerikas und seine Schilderung der Lebensweise der Indianer. Und, dass Klara May die Witwe des befreundeten Kaulmanns Richard Plöhn in Radebeul war . . .

Prognosen sind aktuell schwer, aber haben Sie die Absicht, bei Wiederaufnahme des Spielbetriebs das Stück erneut auf die Bühne zu bringen?
Das Stück wird auf jeden Fall weitergespielt in der Marotte und außerhalb als Gastspiel. Wir bewerben uns jetzt bei allen Standorten mit Karl-May-Festspielen als Bereicherung der großen Open-Air-Aufführungen.