Adams Äpfel


19. November 2021, 22:20 Uhr Theatertage

Faszinierende Spielkunst

Ein Highlight der DachauerTheatertage: Puppenspieler Stefan Kreutz inszeniert „Adams Äpfel“

Von Petra Neumaier, Dachau

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ lautet ein Buchtitel des Philosophen und Publizisten Richard David Precht. Bei Stefan Kreutz sind das gleich zehn Menschen, ihn selbst nicht eingerechnet. Denn in dem Puppenspiel des Figurentheaters Marotte „Adams Äpfel“ nach dem dänischen Film von Anders Thomas Jensen, schlüpfte der brillante Schauspieler am Mittwochabend in zum Teil rasantem Tempo in zehn Rollen – und zog damit das Publikum im ausverkauften Ludwig-Thoma-Saal völlig in seinen Bann. Vergessen waren für eineinhalb Stunden Corona und Maske auf Mund und Nase. Stattdessen gespannte Aufmerksamkeit für faszinierende Spielkunst in einem außergewöhnlichen und skurrilen Stück, das zu den Höhepunkten der Theatertage Dachau zählen darf.

Ein weißes Banner auf schwarzem Hintergrund. Ein weißer Tisch, ein schwarz gekleideter Schauspieler und zehn weiße Figuren – charakteristisch grob geformt, aber ohne Hände und Arme. Stefan Kreutz ist Arm und Hand und Stimme – für den Gutmenschen Pastor Ivan, den rückfälligen Alkoholiker, den notorischen Dieb, den geschwätzigen Arzt, den gemeinen Vergewaltiger, für die ledige Schwangere, den gefühllosen Mörder, den unbelehrbaren Nazi und die Gang-Mitglieder. Menschen, wie man sie allenfalls im Gefängnis erwarten würde. Doch das Stück spielt in einem fiktiven Resozialisierungs-Camp der evangelischen Kirche, in dem auch der gewalttätige Neuzugang Adam, von Pastor Ivan wieder auf den „rechten Weg“ geführt werden soll.

Was folgt, ist eine lebendige wie irrwitzige Handlung, die in ihrer Vielfalt und Skurrilität kaum wiederzugeben ist. Es wird gehetzt und gesäuselt, geschossen, gewürgt und geliebt, geklaut, gelogen und verziehen. Bis schließlich so ziemlich alles in Frage gestellt ist: Glaube, Realität, Menschlichkeit, das Leben im Allgemeinen und sowieso. „Der Teufel prüft uns“, ist ein wiederkehrender und fast erfreuter gesprochener Satz des Pastors – selbst bei Gewalttätigkeiten gegen ihn. Denn der feste Glaube an diesen Grundsatz wäscht ihn quasi rein – auch von seiner Verantwortung.

Das fast manische Bestreben, dem Satan die Stirn zu bieten, indem er ihm weder Raum noch die Macht gibt seinen Glauben an das Gute zu zerstören, ist kaum erträglich. Denn hinter der Fassade der vermeintlich heilen Welt liegt Ivans Leben in Trümmern: Mutter tot, vom Vater als Kind missbraucht, sein eigener Sohn schwerbehindert im Rollstuhl, die Ehefrau nach einem Suizid auf dem Friedhof und er selbst leidet an einem unheilbaren Hirntumor! Wirklich alles „nur“ Prüfungen des Satans? Nicht für Adam, dem es schließlich mit seiner ihm eigenen Gewalt gelingt den Pastor zu überzeugen, dass diese Schicksalsschläge nicht die Werke des Teufels sind. Diese Einsicht verändert tatsächlich den todkranken Pfarrer, der – und jetzt wird es wirklich grotesk – bei der anschließenden Schießerei seiner kriminellen Camp-Bewohner den Tumor aus dem Gehirn geschossen bekommt …

Ende? Noch nicht. Denn da sind ja noch die Äpfel, die in dem Stück nicht nur des Titels wegen eine Rolle spielen. Zu Beginn gefragt, was er sich während seines Aufenthaltes in dem Camp für eine Aufgabe stellen wolle, erklärte nämlich Adam genervt, einen Apfelkuchen backen zu wollen. Was nur ein Mittel zum Zweck sein sollte, um vor dem Pastor seine Ruhe zu haben, entwickelt sich wirklich zu einem Projekt. Und einem schwierigen dazu. Denn erst machen sich Raben über die Früchte her (die kurzerhand erschossen werden), dann Maden: Übrig bleibt ein einziger Apfel. Und aus ihm backt Adam zum Schluss hingebungsvoll für den Pastor einen Kuchen.

Ende gut, alles gut und ein langer Applaus: für eine außergewöhnliche Unterhaltung, einen genialen Schauspieler, eine ergreifende Inszenierung mit minimalistischen Mitteln – und für die Organisatoren der Dachauer Theatertage, die (wieder einmal) ein so hochkarätiges Stück nach Dachau brachten.