Arbeitslos und Spaß dabei


Acher-Rench-Zeitung, Freitag, 5. April 2019

Herrlich satirischer Rundumschlag
Puppenparade: marotte-Theater in Oberkirch

Das marotte-Theater Karlsruhe nahm bei der Puppenparade in Oberkirch die Tradition des Kaspertheaters auf. Stieg mit dem Märchen „Der Wundertopf“ ein und nahm dann als satirisches Theaterstück „Arbeitslos und Spaß dabei“ mediale Auswüchse, Kulturkonsum, Profitgier, Modernisierungswahn auf die Schippe. Hoher Unterhaltungswert war am Samstag garantiert.
Unbeeindruckt von der Welt ringsum stemmt sich Kasper als unumschränkter Intendant an der Spitze seiner Theatertruppe mit seinem altgedienten Ensemble – Grete, Hexe, Teufel, Krokodil und Polizist – gegen die Zeichen der Zeit und spielt weiterhin sein Märchen „Wer Wundertopf“, bis der Teufel, als Börsen-Hedgefond-Manager verkleidet, sein Unternehmen angreift und ihm ein Angebot macht, das er „nicht ablehnen kann“. Er bietet ihm einen Koffer voller Geld – dummerweise im Moment noch leer – wen Kasper ihn in sein Unternehmen einsteigen lässt.

„Teuflischer“ Berater
Ein „teuflischer“ Amerikaner mit entsprechendem Akzent mischt sich als Berater so weit ein, dass Kasper eine Vollversammlung der Mitarbeiter abhält. Wer überlebt den Transfer und genügt den Rendite-Erwartungen? Wie Kasper den Koffer füllen kann, ist einfach: indem er einfach alle entlässt.
Schließlich wirft der Theaterchef sie mit ein paar halbherzigen Gewissensbissen alle raus, denn ihm gefällt die Idee von diesem „Fremd-Scheiß“ (Franchise) und auch das mit der „Schnippelsellerie“ (scripted: reality), zum Beispiel Kochshows und Doku-Soaps findet er gut.
Unter der Regie von Pierre Schäfer spielen Thomas Hänsel und Carsten Dittrich die klassischen Handpuppen in einem völlig unklassischen Stück, jagen in hohem Tempo durch das ironische, witzige und böse Stück, in das eine heftige Portion Sozialkritik verpackt ist.

Rasante Gags
Rasante und hintersinnige Gags nehmen nicht nur die Anglisierung der Sprache auf die Schippe, sondern basieren auch auf Sprachspielerein. So gibt Kasper, als er das Krokodil entlässt, ihm noch zynisch mit auf den Weg: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ und rät ihm zur Umschulung, etwa zur Handtasche.
Kasper selbst wird ins Nirwana geschickt, sein Berater löst schließlich „nicht die Probleme, sondern schafft sie, damit sie andere lösen“. Als Kasper zum bösen Schluss wieder auftaucht – schließlich ist er unsterblich – und seine traditionelle Mannschaft gerne wieder hätte, ist der der Berater sicher: „Ach, lass die Schauspieler nur gehen, das Jobcenter schickt sie morgen sowieso wieder vorbei – die können ja nicht anders.“

Nach langem Applaus war noch nicht Schluss. Die Hüllen der Guckkastenbühne fielen, und die beiden virtuosen Puppenspieler führten die Figuren und ihr Handling vor und nahmen die Zuschauer mit auf eine kurze Reise durch die lange Geschichte des Kaspertheaters – ursprünglich sehr derb, zweideutig, mit Kritik an der Obrigkeit und keinesfalls für Kinder gedacht.
Johanna Graupe