Adams Äpfel


SCHWÄBISCHES TAGBLATT – Regionale Kultur, 07.02.2022

Hoffnungsschimmer Apfelkuchen

Monospektakel Das Karlsruher marotte-Figurentheater zeigt beim Solo-Festival ein verletzliches Biotop fast hoffnungsloser Figuren.

Reutlingen. Es braucht nicht viel Material, um ein komplexes Theaterstück mit zahlreichen Protagonisten auf die Bühne zu bringen. Den Beweis für diese Aussage lieferte am Freitagabend Sebastian Kreutz vom marotte-Figurentheater Karlsruhe beim Solo-Festival des Reutlinger Tonne-Theaters. Nur unterstützt von einigen Tonfiguren (gestaltet von Matthias Hänsel) ließ er im Stück „Adams Äpfel“ auf einem großen Tisch eine Welt entstehen, die auch dem hartgesottensten Sozialpädagogen einen Schauder über den Rücken jagen dürfte.

Eine Resozialisierungseinrichtung der evangelischen Kirche bildet das Biotop für eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Straftätern unterschiedlichster Couleur. Hier trifft Adam – seines Zeichens Neonazi – zum Beispiel auf Khalid, der, wenn er Geld braucht, Tankstellen überfällt, oder den einstigen Gewalttäter Gunnar. Geleitet wird dieses Camp von Pastor Ivan, der selbst fast nur Schreckliches in seinem Leben erfahren hat, aber diesen traurigen Umstand auf eine Weise uminterpretiert, die selbst den abgebrühten Adam beinahe sprachlos macht.

Das sympathischste an Adam ist, dass er einen Apfelkuchen backen will, mit Äpfeln des hauseigenen Apfelbaumes. Die werden allerdings, auch von den Krähen sehr geschätzt, bis die Vögel von Khalid in einem überraschenden Akt der Solidarität mit dem potenziellen Kuchenbäcker abgeballert werden. Makaber, bitter, schwarzhumorig und nicht selten böse sind die Dialoge in dieser Bühnenadaption eines gleichnamigen dänischen Spielfilms. Umso erstaunlicher, dass die statischen Figuren auf dem Tisch schon sehr bald eine beinahe schüchterne Verletzlichkeit entwickeln.

Unter Regie von Friederike Krahl schlüpft der Puppenspieler blitzschnell in die jeweils agierende Bühnenfigur, indem er sie einfach in die Hand nimmt, für sie spricht oder säuft oder ihnen die passende Mimik liefert, die eine Skulptur nicht bieten kann. Das Ergebnis ist beeindruckend. Nur unterstützt von ein paar verspielten Bildeinblendungen im Hintergrund entsteht vor dem Publikum eine ganze Welt, deren Realitätsgehalt beinahe weh tut.

Am Schluss ist es eigentlich egal, ob es sich bei Ivans permanenten Schicksalsschlägen um Versuchungen Satans handelt oder darum, dass Gott ihn immer gehasst hat – wie Adam vermutet. Nicht egal ist jedoch, dass Adam zuletzt doch noch ein eigener Apfelkuchen gelingt. Wenn auch ein ganz kleiner. Das Publikum bedankte sich für die starke 90-minütige Solo-Leistung von Sebastian Kreutz mit langanhaltendem Applaus.

Bernhard Haage