Winnetou – Der Schatz im Silbersee


Auftakt der Emsdettener Theatertage mit dem Marotte-Figurentheater

Indianer stammen von Türken ab

EMSDEITEN. Ob Erdogan wohl heimlich Karl-May-Bücher gelesen hat? Und wenn, dann sicher „Winnetou 1“, in dem dieser merkwürdige erste Satz steht: „Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein.“ Der Türke? Da fiel dem Theatermann und Karl-May-Fan Thomas Hänsel sein Kollege Rusen Kartologlu ein. Und weil dessen Name auf Deutsch auch noch „Sohn des Adlers“ heißt — aber weiter muss man jetzt nicht um die Ecke denken, um zu verstehen, wie der Auftakt der 25. Emsdettener Theatertage am Sonntag gelaufen ist. Dass er überhaupt gelaufen ist, hat der veranstaltende Emskult dem Marotte-Figurentheater aus Karlsruhe zu verdanken, das kurzerhand für das Berliner Theater Zitadelle eingesprungen ist, das wegen einer verletzten Schauspielerin kurz vor dem Emsdettener Termin absagen musste. Thomas Hänsel und Rusen Katologlu waren gerade in der Gegend unterwegs, um sich in Melle einen Preis für ihr Figurentheater abzuholen und sagten spontan zu, ihre Adaption von Karl Mays „Schatz im Silbersee“ erstmals außerhalb von Karlsruhe zu zeigen. Und die begann, nun ja, in einem deutschen Einbürgerungsbüro: Dort will ein Türke (Rusen Kartologlu) einen deutschen Pass beantragen, lässt sich aber vom Karl-May-begeisterten Einbürgerungsbüromenschen Thomas Hänsel dazu anstiften, den „Schatz im Silbersee“ als Schattenspiel nachzustellen. Und der Intergrationswillige versteht statt Winnetou erst mal nur Winnie Puuh, behauptet, dass die Indianer von den Türken abstammen („Hat Erdogan gesagtl“), macht den Bundesadler zum Geier und stürzt sich und das Publikum im fast voll besetzten Autohaus Thünemann in ein schräges Wildwest-Abenteuer – immer im Wechsel zwischen Rahmenhandlung und Schattenspiel. Und hier wie dort stolpern sich die beiden auf dem Niveau geistiger Kleingärtnerei durch absurde Situationskomik, fallen in scheunentorgroße Logik-Löcher, hadern mit den Bühnenfiguren und hauen Witze raus, die bisweilen flacher sind als ihre pappenen Spielfiguren Cornel Binkley und seine fiesen Kumpanen, Sam Hawkins, Kleiner Bär und Häuptling Langohr, Old Shatterhand und natürlich der rote Gentleman Winnetou. Jetzt wissen alle, die dabeigewesen sind, dass ein „Indianer keinen Scherz kennt‘) die Utahs Kanak-Deutsch sprechen, statt Friedenspfeife auch Filterzigaretten gehen, ein tödlich getroffener Häuptling im Fallen noch ganz elegant einen Hocker zur Seite räumen kann und, alle Indianer von den Türken abstammen. Und jetzt wissen alle, die dabeigewesen sind, dass Ersatzspieler manchmal sogar die bessere Wahl sind.