marottinale 2019


BNN, Sa, 23.03.2019

Skurril und abgründig

„Die Elchjagd“ eröffnete „marottinale“ in Karlsruhe

Sekt und Schnittchen versprach Thomas Hänsel zum Auftakt der „marottinale“ – das ist dort schon so etwas wie eine Tradition, seit dieses Figurentheater-Festival 2006 erstmals in der Karlsruher „marotte“ veranstaltet wurde. Der ebenso ambitionierte wie engagierte Hausherr kokettierte ein wenig damit, dass die Zuschauerreihen ja wohl vorwiegend wegen dieses kulinarischen Angebots komplett besetzt seien. Die amüsierten, ja begeisterten Reaktionen straften ihn gleichsam Lügen. Das Publikum genoss es sehr wohl, dass vor Sekt und Schnittchen erst einmal Sex und Schnitte angesagt waren.
„Die Elchjagd“ stand auf dem Programm. Der Titel ist gewissermaßen Jägerlatein. Denn in dem Stück des polnischen Dramatikers Michal Walczak geht es weder um Halali noch Hörnerklang, sondern um psychologisch hochbrisante, mörderisch unterfütterte Beziehungsgeschichten. Anfangs scheint noch alles ziemlich normal: Konrad will Eliza ehelichen und nun ist er furchtbar nervös, weil sich ihre Eltern angekündigt haben. Als es klingelt, muss er sich vor lauter Panik übergeben. Derweil öffnet seine Angebetete die Tür, doch statt Papa und Mama betritt Past die Szenerie. Für Engländer fast schon ein sprechender Name: Past bedeutet Vergangenheit — und die holt Eliza in dem Moment ein, als ihr Past gegenübertritt. Er war ihr Psychotherapeut und ihr Lover. Das Widersehen verläuft allerdings nicht sonderlich harmonisch. Erst geht Eliza mit dem Messer auf ihn los, dann mit dem Kandelaber. Und als er (vermeintlich) tot am Boden liegt, klingelt es erneut: Diesmal sind es tatsächlich die Eltern.
Fünf Personen treffen in Walczaks skurril-abgründigem Stück aufeinander. Das Nürnberger Theater Thalias Kompagnons macht daraus fünf von Joachim Torbahn modellierte Köpfe, und Tristan Vogt macht daraus fünf drastische Charaktere. Eben noch ist er Eliza und säuselt mit Domina-Untertönen, da spricht er auch schon mit hündischer Unterwürfigkeit den Konrad, um alsbald in das tiefe Macho-Timbre von Past zu wechseln. Den Vater gibt Vogt als militantes Ekel mit Sentimentalitätsaufwallungen, die Mutter als Mischung aus Selbstbewusstsein und Ergebenheit. Das alles geht dem Figurenschauspieler flott vom Mund und von der Hand, und lässt doch Raum für den psychologischen Hintersinn dieses „romantischen Albtraums“. Kompliment an Thomas Hänsel, dass er immer wieder solche großartigen Produktionen nach Karlsruhe holt.
Michael Hübl