The Bright Side of Life


BNN, Dienstag, 27.10.2020

Zerfurchte Gesichter, dekadente Visagen

Einfach klasse: „The Bright Side of Life“ im Karlsruher Figurentheater marotte

Was unterscheidet das Theater der Antike vom Theater der Gegenwart? In jenen Zeiten trugen die Schauspieler Masken – heute tun es die Zuschauer. Aber früher, bei den Römern, stand ja auch das Wort „corona“ für „Krone“, wogegen es aktuell ein Virus meint. Die Römer spielen eine wichtige Rolle in der jüngsten Produktion der Karlsruher „marotte“. Das Figurentheater hat sich „Das Leben des Brian“ nach dem gleichnamigen Film der britischen Blödelmeister Monty Python vorgenommen, und der handelt bekanntlich während der ersten Jahrzehnte nach Christi Geburt in Judäa, damals Teil des Imperium Romanum.

Voller Scherz und Schabernack
„Bekanntlich“ darf man hier sagen, denn kaum hat das Schauspieler-Trio pfeifend die Bühne betreten, haben etliche im Publikum die Melodie erkannt: „Always look on the bright side of life“. Manche singen gleich mit, derweil Claudia Olma, Carsten Dittrich und Jan Mixsa drei Kreuze aufbauen. An einem wird Brian enden, denn das Volk hält ihn allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz für den Heiland. Aber bevor an ihm das gleiche Urteil vollstreckt wird wie an dem wahren Christus, liefert marotte die zum Komik-Klassiker avancierte Parodie auf das Leben Jesu jede Menge köstlicher Unterhaltung.
Eine Veranstaltung vor allem für Kultfilm-Fans? Keinesfalls. Statt sich sklavisch an das Vorbild zu halten, hat der Regisseur Pierre Schäfer eine Inszenierung „ sui generis“ geschaffen, wie die Römer es formuliert hätten. Das heißt: einen Abend mit ganz eigenen köstlichen Einfällen und Akzenten. Die Aufführung sprüht nur so vor Scherz und Schabernack. Schäfer durfte sich denn auch am Schluss neben Olma und ihren beiden Ko-Akteuren über begeisterten Applaus freuen. … Grandios der Moment, in dem die Borsten eines umgekehrt in die Höhe gehaltenen Besens die „Messias, Messias“ brüllende Masse darstellen. Großartig die Köpfe, die Matthias Hänsel gestaltet hat, seien es die vielfältig zerfurchten Gesichter der judäischen Widerstandsgruppe, die sich in haarspalterischen Diskussionen aufreibt, seien es die dekadenten Visagen der römischen Besatzer. Diese an sich leblosen Gestalten werden von Dittrich, Mixsa, Olma mit einer opulenten Palette menschlicher Eigenschaften ausgestattet – witzig oder weinerlich, fies, frech oder forsch. Herrlich. Wie erklärt Jan Mixsa auf seiner Website: „in virus veritas“. Das ist zwar grammatikalisch nicht korrekt (da sollte sich Mixa mal von seinem Regisseur belehren lassen). Aber wenn seine Aussage stimmt, dass im Virus die Wahrheit lieg, dann gehört zu dieser Wahrheit auch, dass man in Covid-19-Zeiten nur dankbar sein kann für solche fantastischen Ereignisse.
Michael Hübl